Interface

Teppichfliesen for Future

Interface ist in der D/A/CH-Region mit Umsätzen auf Vorjahresniveau vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen. Geschäftsführer Nils Rödenbeck, Vertriebsleiter Alexander Friesen und Marketingleiterin Anne Salditt erklären im Interview, wie die Themen Corona und Nachhaltigkeit das Bürosegment in Zukunft grundlegend verändern werden, und warum ihr neues Produkt CO2 bindet.


BTH Heimtex: Die Themen Rohstoffverknappung und -verteuerung, stockende Lieferketten sowie Containermangel treiben die Branche um. In der April-Ausgabe von BTH Heimtex haben Sie gesagt, dass diese Probleme Interface bis dato nicht treffen. Wie kann das sein? Leben Sie auf einer Art Insel der Glückseligen ?

Nils Rödenbeck: Es ist tatsächlich so, dass wir bis heute in unseren drei Produktkategorien Kautschuk, LVT und Teppichfliesen vollumfänglich lieferfähig sind. Rohstoff- und Logistikosten sind zwar zwei zentrale Faktoren unseres Geschäfts. Beide sind seit einiger Zeit volatil. Aufgrund der Größe von Interface und unserer Möglichkeiten können wir die Entwicklungen bis dato ausgleichen, beobachten aber genau, ob wir etwaige negative Auswirkungen an unsere
Kunden weitergeben müssen.

Kontinuierlich voll lieferfähig

Wie schaffen Sie das beispielsweise bei LVT, die
Interface ja wie viele andere Anbieter auch aus Asien bezieht? Und gerade die Destination Asien-Europa ist von den Logistikproblemen erheblich betroffen...

Alexander Friesen: Wir verfügen zum einen über große Lagerkapazitäten in Europa und zum anderen betreiben wir ein gutes und professionelles Forecasting gerade für unsere LVT, die wir nicht wie unsere Teppichfliesen in Europa produzieren. Unser LVT-Portfolio ist zudem vergleichsweise überschaubar, weil wir uns ausschließlich auf Looselay-Varianten konzentrieren als Ergänzungsprodukt zur Teppichfliese. Wir sind sehr stark im Projektgeschäft aktiv mit Vorlaufzeiten von ein bis zwei Jahren bis sie umgesetzt werden, und wir dann den Bodenbelag liefern. Das erfordert einen guten Forecast; macht ihn gleichzeitig aber auch planbarer im Vergleich zum Tagesgeschäft.

Im ersten harten Lockdown im Frühjahr 2021 sind weniger Bauprojekte geplant und angeschoben worden, weil Bauherren, Planer und Architekten in der Krise erst einmal abgewartet haben. Im BTH Heimtex-Interview im vergangenen Jahr hatten Sie vermutet, dass diese Projekte in 2021 und 2022 fehlen werden. Spüren Sie in manchen Objektsegmenten heute ein "Corona-Loch"?

Viele Renovierungen im Bürosegment

Friesen: Zum Zeitpunkt des Interviews im Sommer 2020 standen die Zeichen tatsächlich auf Veränderung und Flächenreduzierung im Office-Segment. Bis Ende des Jahres hat sich das erfreulicherweise relativiert. Die Stimmung hat sich aufgehellt. Manche Neubauten kommen zwar durchaus ein bis zwei Monate später als geplant in die Umsetzung. Auch im Renovierungsmarkt gibt es einige Baumaßnahmen, die sich in der Warteschleife befinden. Viele andere Unternehmen sehen allerdings Licht am Ende des Tunnels und renovieren jetzt Büroflächen, solange ihre Mitarbeiter noch im Homeoffice sind.

Durch die Corona-Krise werden auch in Zukunft mehr Mitarbeiter Homeoffice machen. Wird sich dadurch nicht die benötigte Fläche in Büros und Verwaltungen grundsätzlich verringern, und damit der Hauptmarkt von Interface in D/A/CH kleiner werden?

Corona verändert die Arbeitswelt

Friesen: Ich stimme Ihnen zu. Sicherlich gibt es Unternehmen, die ihre Flächen stark reduzieren. Mittlerweile gibt es aber auch viele große Unternehmen, die ihre Strukturen, ihre Abläufe und damit auch ihre Bürowelt grundlegend verändern und den Bedürfnissen der Post-Corona-Zeit anpassen wollen. Und hier geht es weniger um Flächenreduzierung als viel mehr um nachhaltige Modernisierung und Veränderung. In den nächsten Jahren kommt dort eine Renovierungswelle auf uns zu.

Rödenbeck: Der Bedarf an guten Büroflächen in den Städten ist vor Corona hoch gewesen und ist weiterhin hoch; die Pandemie dämpft die Dynamik lediglich vorübergehend. Die Städte werden auch zukünftig wachsen und mit ihnen der Bedarf an guten Büroflächen.

Know-how im "Concept Design"

Anne Salditt: Und die Unternehmen haben verstanden, dass sie sich neu definieren müssen im Spannungsfeld von Büro- und Homeoffice-Arbeit sowie den Themen Gesundheit und Wohlbefinden, die durch die Pandemie einen höheren Stellenwert erlangt haben. Homeoffice auf breiterer Basis als in der Vergangenheit verändert die Arbeitswelt und ihre traditionellen räumlichen Dimensionen in den nächsten Jahren noch einmal grundlegend. New Work und Coworking werden sicherlich noch wichtiger und breiter umgesetzt. Diese und andere Themen wie Biophilic Design und Positive Spaces setzen wir bereits seit Jahren für unsere Kunden in ihren Projekten um und auch in unseren eigenen Büroräumen und Showrooms. Wir verkaufen weit mehr als nur Bodenbeläge und haben dafür eine ganz eigene Abteilung, das Concept Design, das unsere Kunden ganzheitlich berät. Deswegen sehen wir in diesen Zeiten des Umbruchs für uns als kompetenten und erfahrenen Hersteller großes Potenzial.

Rödenbeck: Und die nächste Welle baut sich bereits auf: Klima und Nachhaltigkeit. Wie gehen wir mit diesen Themen generell um und wie beispielsweise mit der Bauwirtschaft als großem C0-Verursacher? Das ist inzwischen auch ein großes politisches Thema. Das potenziert den Druck auf die Immobilienwirtschaft, alle ihre Objekte nachhaltig zu modernisieren. Und das verlangen auch die Investoren. Da sind schon heute viele Dinge in Bewegung, die das Renovierungsgeschäft in den Städten enorm antreiben.

Büros werden grüner

Interface beschäftigt sich bereits seit 25 Jahren damit, die negativen Auswirkungen seiner Geschäftstätigkeit auf die Umwelt zu reduzieren und langfristig abzustellen. Stichworte: Mission Zero und Climate Take Back. Heute ist das Thema Nachhaltigkeit allgegenwärtig; es ist allerdings auch zur Worthülse verkommen. Stichwort: Greenwashing. Ärgert Sie das?

Salditt: Es motiviert uns. Dass das Thema heute im Mainstream angekommen und ein Must-have ist, eröffnet für uns als Vorreiter wieder neue Chancen: Denn die Kunden im Projektgeschäft geben sich mit Plattitüden mittlerweile nicht mehr zufrieden und fordern vom Hersteller, beim Thema Nachhaltigkeit konkreter zu werden und ins Detail zu gehen. Und das machen und können wir gerne, weil wir schon lange unseren Fortschritt messen und entsprechende Kennzahlen zu CO2-Reduzierung, Nutzung recycelter und biobasierter Materialien, Wasser- und Energieeinsparung, Lebenszykluskosten und vielem mehr seit vielen Jahren veröffentlichen.

Teppichfliesen schlucken CO

Friesen: Die Resonanz auf Themen wie CO2-Neutralität oder Kompensationsmaßnahmen ist heute wesentlich höher als früher; wir werden auch schon aktiv von den Entscheidern angesprochen. Und mit unserer gerade gelaunchten Kollektion Embodied Beauty gehen wir noch einen Schritt weiter: Wir reduzieren und kompensieren nicht nur den CO2-Fußabdruck unserer Produkte sondern gestalten ihn cradle-to-gate CO2-negativ.

Was heißt das konkret?

Salditt: Produkte verursachen über ihren Lebenszyklus hinweg Treibhausgase, unter anderem in Form von CO2, beispielsweise bei Herstellung und Transport. Und diese Emissionen sind die Treiber der globalen Erwärmung. Interface hat seit 1996 den CO2-Fußabdruck seiner Teppichfliesen in Bezug auf Rohstoffe und Herstellung, also cradle-to-gate, um 76 % reduziert. Das CO2, das unsere Produkte während Transport, Nutzung und Lebensende darüber hinaus verursachen, gleichen wir mit freiwilligen Kompensationsmaßnahmen in zertifizierten Klimaschutzprojekten aus. Das Ergebnis ist ein ausgeglichener CO2-Fußabdruck über den gesamten Lebenszyklus, also unter dem Strich ohne negative Auswirkungen auf die Umwelt. Mit der neuen Kollektion Embodied Beauty ist es uns jetzt erstmals gelungen, drei Teppichfliesen anbieten zu können, die das CO2 in der Atmosphäre tatsächlich verringern. Für die Produktion des neuen, speziellen Rückens ,C-Quest-Bio-X’ nutzen wir pflanzliche Rohstoffe, die CO2 aus der Atmosphäre in Form von Kohlenstoff binden. Das bedeutet konkret, dass drei Teppichfliesen der neuen Kollektion einen negativen CO2-Fußabdruck vorweisen. In diesen Teppichfliesen wird mehr Kohlenstoff gespeichert, als CO2 während der Rohstoffgewinnung und Herstellung emittiert wird, also cradle-to-gate. Wir haben uns die Natur zum Vorbild genommen und den Kohlenstoffkreislauf zu Nutze gemacht.

Rödenbeck: Außerdem hat die Weiterentwicklung der Tuftingtechnik uns in die Lage versetzt, das Garn effektiver einzusetzen - mit allen Designmöglichkeiten und voller Objekteignung in der Klasse 33

Wie positionieren Sie die cradle-to-gate C0-negativen Produkte im Vertrieb?

Friesen: bewusst im mittleren Preis-Segment. Sie sollen als Eco-Heroes keine Nischenprodukte bleiben wie andere in der Vergangenheit sondern Volumen kreieren. Und das werden diese besonderen Teppichfliesen auch. Denn sie sind einerseits die preisattraktivsten der insgesamt sieben Qualitäten der neuen Kollektion. Und andererseits sprechen ihre Designs auch eine breite Käuferschicht an. Ich bin sehr optimistisch, dass die neuen Produkte gut ankommen werden. Wir sind intern sehr begeistert und überzeugt von Embodied Beauty. Mit dem Launch, den wir mit viel technischem, organisatorischem und inhaltlichem Aufwand hybrid aus unserem Showroom in Krefeld Ende März veranstaltet haben, haben wir einen richtig guten Start mit viel positivem Feedback der Kunden hingelegt. Ich gehe davon aus, dass die neue Kollektion das Interface-Produkt ist, das den Markt am schnellsten erreichen wird. Erste Bemusterungen laufen bereits.

Sie sind tief im Objektgeschäft verankert; arbeiten gleichzeitig im Netzwerk mit Großhändlern und Verarbeitern. Funktioniert diese Konstellation auch in Corona-Zeiten?

Friesen: In diesen außergewöhnlichen Zeiten merken wir ganz besonders, wie wichtig es für uns ist, nicht nur zum Bodenleger über viele Jahre einen guten Draht zu haben sondern auch seit Jahren vertrauensvoll mit dem Großhandel zusammenzuarbeiten. Obwohl die Branche bisher insgesamt vergleichsweise gut durch die Krise kommt, sind solche Zeiten immer auch eine Belastungsprobe für Geschäftsbeziehungen. Die zwischen Bodenlegern, Großhändlern und uns zeigen sich einmal mehr als partnerschaftlich, vertrauensvoll und belastbar. Wir sind sehr glücklich, auch dann gemeinsam Projekte zu Ende führen zu können, wenn im Markt herausfordernde Konditionen aufgerufen werden, und es auch mal hektisch wird.

Rödenbeck: Uns hilft hier sicherlich auch unsere hohe personelle Präsenz im Markt mit 25 Außendienstmitarbeitern sowie der mittlerweile enge Austausch mit unserem Schwesterunternehmen Nora, das mit 45 Vertriebsmitarbeitern in der D/A/CH-Region unterwegs ist.

| Das Gespräch führten Frank Aures und Jochen Lange
Teppichfliesen for Future
Foto/Grafik: Interface
Leiten die Geschäfte von Interface in der D/A/CH-Region: Nils Rödenbeck, Christian Greverath, Anne Salditt und Alexander Friesen (von links nach rechts).
Teppichfliesen for Future
Foto/Grafik: Zweiraumbuero
Trotz Pandemie hält Interface an seinen Plänen fest, und bezieht zusammen mit Schwesterunternehmen Nora Systems im Juni 2021 einen neuen Standort in der Zürcher Innenstadt.
Teppichfliesen for Future
Foto/Grafik: Interface
Unter anderem die neue Rückenkonstruktion "C Quest Bio X" führt dazu, dass drei Teppichfliesen der neuen Kollektion Embodied Beauty cradle-to-gate, also von der Rohstoffgewinnung bis zum Werkstor, CO2-negativ sind.
aus BTH Heimtex 06/21 (Wirtschaft)