Interview mit Ralf Wollenberg über die Hintergründe der Schnittstelle Fußboden
"Sprachrohr vertritt Interessen der Parkett- und Bodenleger"
Im Oktober 2023 gründeten Handwerksverbände, Sachverständigenorganisationen und die Verlegewerkstoffindustrie mit der "Schnittstelle Fußboden" ein neues Gremium, nachdem sie aus der Initiative "Praxisgerechte Regelwerke im Fußbodenbau" (PRiF) ausgetreten waren. Hintergrund war der Streit mit Vertretern der Estrichbranche um das BEB-Hinweisblatt 9.2. FussbodenTechnik fragte bei dem Sprecher der Schnittstelle Fußboden, Ralf Wollenberg, nach, wie der Staus quo der Initiative aussieht und welche weitere Entwicklung die Mitglieder anstreben.
FussbodenTechnik: Herr Wollenberg, warum brauchte es mit der vor rund einem Jahr (im Oktober 2023) gegründeten "Schnittstelle Fußboden" ein neues Gremium, das aus Vertretern vom Bundesverband Parkett und Fußbodentechnik, Bundesverband Farbe Gestaltung Bautenschutz, Zentralverband Raum & Ausstattung, Bundesverband der vereidigten Sachverständigen, Technische Kommission Bauklebstoffe, Fachverband der Hersteller elastischer Bodenbeläge, Industrieverband Klebstoffe, Verband der Deutschen Parkettindustrie, Verband der mehrschichtig modularen Fußbodenbeläge und Verband der Europäischen Laminatfußbodenhersteller besteht?
Ralf Wollenberg: Die Aufzählung von Ihnen zeigt es schon. In der Initiative "Schnittstelle Fußboden" sind sämtliche Verbände vertreten, die sich mit dem Boden ab Oberkante Estrich befassen. In der Initiative sind sowohl die Handwerksverbände, die Verlegewerkstoffindustrie, Sachverständigenorganisationen und die Bodenbelagshersteller vertreten.
FT: Was ist das Ziel der Schnittstelle Fußboden?
Wer sind die handelnden Personen dahinter?
Wollenberg: Zuerst der zweite Teil Ihrer Frage: Ins Leben gerufen wurde die Initiative von den Handwerksverbänden. Von den beteiligten Verbänden sind Personen in die Schnittstelle Fußboden delegiert worden, die sich in ihren Verbänden mit dem großen Thema Boden auseinandersetzen. Uns war es wichtig, dass wir gleichberechtigt auf Augenhöhe miteinander sprechen.
Ziele der Initiative sind, Arbeitshilfen für Handwerksbetriebe zu erstellen, aber auch allgemeine und in die Zukunft gerichtet Themen miteinander zu besprechen und zu erarbeiten. Konkret meine ich damit, dass von Seiten der Europäischen Union immer neue Vorschriften und Regelwerke erlassen werden, die im Moment zwar vorrangig die Industrie, aber mittelfristig auch die Handwerksbetriebe betreffen werden. Das sind zum Beispiel Themen wie Nachhaltigkeit, Recycling und Umweltschutz.
FT: Eines der Ziele der Initiative Praxisgerechte Regelwerke im Fußbodenbau (PRiF) war es, die Zahl der Merkblätter in der Bodenbranche zu reduzieren und verbandsübergreifende Dopplungen zurückzuziehen. Übernimmt die neue Schnittstelle Fußboden diese Zielsetzung, wenn sie eigene
Merkblätter herausgibt?
Wollenberg: Wenn von unserer Initiative Merk- und Hinweisblätter erstellt und herausgegeben werden, sind diese von vornherein mit allen abgestimmt. Das spart sehr viel Zeit und Manpower und ist deutlich effizienter als wenn jeder Verband für sich jede Publikation prüft, eigene Statements abgibt und dann nachher in großer Runde über alles noch mal diskutiert werden muss.
FT: Was werden die nächsten Aktivitäten der Schnittstelle Fußboden sein?
Wollenberg: Im Oktober 2024 haben wir ein neues Merkblatt zur Belegreife veröffentlicht (vgl. nächste Seite). Des Weiteren ist eine Publikation zur Nachhaltigkeit von Parkettböden in der Erstellung schon sehr weit fortgeschritten. Veröffentlichungen zu weiteren Themen werden folgen.
FT: Sind die Mitglieder der Schnittstelle Fußboden abschließend oder ist es denkbar, dass sich noch weitere anschließen?
Wollenberg: Wir sind selbstverständlich offen für weitere Mitglieder. Vorstellen könnte ich mir zum Beispiel eine Zusammenarbeit mit den Gebäudereinigern.
FT: Werden durch einen Verbund wie Schnittstelle Fußboden die "Fronten" gegenüber den Estrichlegern und ihren Verbänden verhärtet? Wäre es nicht besser, dass man einen Schritt aufeinander zu macht, wie beim jüngsten TKB-Branchengespräch in Frankfurt erfolgreich beobachtet?
Wollenberg: Da ist in der Branche vielleicht ein etwas falscher Eindruck entstanden. Unsere erste Veröffentlichung "Informationen zu Zementestrichen" wurde in der Rohfassung auf einer gemeinsamen Vorstandssitzung am Nürburgring dem Vorstand des Bundesverbands Estrich und Belag (BEB) vorgelegt. Wir sind immer gesprächsbereit und ich bin sicher, dass wir bei einer Vielzahl von Punkten auf eine gemeinsame Sprachregelung kommen können. Es gibt allerdings auch Themen, bei denen die Auffassungen so weit auseinanderliegen, dass es in absehbarer Zeit keine Einigung geben wird.
FT: Sie verfügen über jahrzehntelange Erfahrung in der Verbandsarbeit und im Verlegehandwerk. Was muss passieren, damit das Bodenhandwerk insgesamt mehr als Einheit auftritt und einheitliche und verbindliche Regeln für alle Bodenhandwerker verabschiedet?
Wollenberg: Ich glaube, mit Schnittstelle Fußboden sind wir auf einem guten Weg dahin. Bis vor wenigen Jahren wurden sämtliche Publikationen in der Branche von den Estrichlegern dominiert. Der Boden hatte sich immer den Eigenschaften des Estrichs unterzuordnen. Jetzt haben wir ein Sprachrohr, über das wir unsere Interessen als Parkett- und Bodenleger nach außen vertreten können. Mit den in der Initiative vertretenen Verbänden sind wir im Bereich "Boden" das Schwergewicht in der Branche und können den "Stand der Technik" und die "Regeln des Fachs" definieren.
Ralf Wollenberg
Stv. Bundesinnungsmeister BVPF
Ralf Wollenberg führte von 1983 bis 2013 einen Bodenlegerbetrieb. Er ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Bodenlegergewerbe (1991), Estrichlegermeister (2001) sowie seit Jahrzehnten in Handwerksverbänden engagiert - beispielsweise aktuell als stellvertretender Bundesinnungsmeister im Bundesverband Parkett und Fußbodentechnik (BVPF) sowie als Vorsitzender des Gesellenprüfungsausschusses für Bodenleger der Handwerkskammer Münster. Er war beteiligt an der Neufassung und Kommentierung der DIN 18365 "Bodenbelagsarbeiten" und ist Tarifbeauftragter im BVPF. Seit einem Jahr ist er zudem Sprecher der neuen Initiative "Schnittstelle Fußboden".
Neues Merkblatt zur Belegreife erschienen
Die Interessensgemeinschaft "Schnittstelle Fußboden" veröffentlichte Ende Oktober 2024 das Hinweisblatt "Informationen zur Belegreife". Es definiert den Begriff "Belegreife", erläutert die relevanten zeitabhängigen sowie zeitunabhängigen Faktoren und behandelt die Möglichkeiten zur Bestimmung der Untergrundfeuchte. Darüber hinaus werden Aspekte der objektbezogenen Prüfung von Altuntergründen und Durchführung von objektspezifischen Vorbereitungsmaßnahmen thematisiert sowie Verantwortlichkeiten von Auftraggebern und Auftragnehmern. Das neue Hinweisblatt kann im Download-Bereich der Website des Bundesverbands Parkett und Fußboden (BVPF) heruntergeladen werden: www.bv-parkett.de.
aus
FussbodenTechnik 01/25
(Wirtschaft)