Paul Jaeger GmbH & Co. KG
"Jaeger Lacke soll der Spezialitätenanbieter sein"
Jaeger Lacke bewegt sich mit funktionalen Beschichtungen und dekorativen Produkte in verschiedenen Nischen. Geschäftsführer Andreas Bley und sein Team erläutern, warum sie sich damit wohl fühlen und welche Produkte sie neu auf dem Markt platzieren.BTH Heimtex: Die Farbenbranche bewegt sich derzeit in einem konjunkturell schwierigen Umfeld. Wie läuft es wirtschaftlich bei Jaeger Lacke?
Vassilios Goulios: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres liegen wir über dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Dabei war schon 2022 für uns gut gelaufen, insbesondere das erste Halbjahr. Zwar stellen wir wie alle anderen eine gewisse Kaufzurückhaltung fest, nachdem in den Corona-Jahren viel renoviert wurde. Aber die Nachfrage nach unseren Produkten entwickelt sich positiv. Das resultiert unter anderem daraus, dass wir uns für dieses Jahr neue Schwerpunkte und Ziele gesetzt sowie Neuheiten auf den Markt gebracht haben. Wir sind insgesamt optimistisch.
Andreas Bley: Wir konzentrieren uns auf Bereiche, die wir beeinflussen können. Damit fahren wir ganz gut. Ein ganz zentraler Punkt sind unsere neuen Produkte. Damit stärken wir einmal mehr den Nutzen für den Handel. Das heißt, die meisten Produkte sind einfach in der Anwendung und zeitsparend. Sie bieten dem Handwerker also erhebliche Vorteile auf der Baustelle.
BTH Heimtex: Jaeger Lacke ist Experte für Sanierung, Renovierung und Modernisierung. Profitiert der Renovierungsmarkt vom schrumpfenden Neubau?
Bley: Der Renovierungsmarkt ist für uns relativ stabil. Dadurch, dass der Neubau zurück gegangen ist, haben wir keinen Run im Bereich Sanierung, Renovierung, Modernisierung.
BTH Heimtex: Jaeger Lacke besetzt als Spezialanbieter Nischen. Bleiben Sie bei dieser Strategie?
Bley: Wir fühlen uns wohl in der Nische. Die werden wir auch noch weiter ausbauen. Wir wollen auf mittlere Sicht der Spezialitätenanbieter sein. Sowohl im Handel als auch auf der Produzentenseite gibt es Konzentrationen. Deshalb arbeiten wir daran, den Nischenbereich insbesondere mit neuen Produkten weiter auszubauen, damit Handel und Handwerk weiterhin gerne mit uns zusammenarbeiten.
BTH Heimtex: Das ist ein klares Statement für den Großhandel. Das bedeutet, Direktvertrieb kommt für Sie nicht in Frage?
Goulios: Wir bleiben dem Großhandel zu 100 % treu. Der Großhandel stellt für uns eine strategisch wichtige Partnerschaft dar. Diese wollen wir in Zukunft weiter ausbauen und noch attraktiver gestalten. Dabei setzen wir auf kontinuierliche Produktinnovationen. Der Großhandel kann sich also auch in Zukunft hundertprozentig auf uns verlassen.
BTH Heimtex: Welches Produktsortiment steht bei Ihnen derzeit auf Platz eins bei der Nachfrage?
Lorenz Vogt: Eindeutig die Markierung. Wir haben in diesem Segment für jeden Einsatz, für jede Anforderung das geeignete Markierungssystem sowie einen Airless Markierwagen in Kooperation mit Wagner. Dieses Sortiment genießt hohe Aufmerksamkeit. Das ist auch unserem Außendienst zu verdanken, der bei unseren Handelspartnern Markierungsworkshops anbietet und durchführt. Er demonstriert vor Ort, wie groß die Zeitersparnis durch den Einsatz des Markierwagens ist. In diesem Bereich wachsen wir stark. Ansonsten werden alle Produkte aus unserem Portfolio nachgefragt.
Goulios: Markieren ist krisensicher. Denn markiert wird immer. Das betrifft unter anderem den Arbeitsschutz, die Parkplatzgestaltung und sicherheitsrelevante Markierungen in Industriehallen. Erfolgreich sind wir auch mit unserem dekorativen Produkt Deco Wall & Floor für die fugenlose Wand- und Bodengestaltung.
Michael Jägersküpper: Wir haben im wesentlichen zwei schwerpunktmäßige Bereiche: Produkte, die nice-to-have sind, und solche, die zwingend erforderlich sind. Notwendig sind Markierungen, Produkte gegen Brand- und Wasserflecken sowie Spezialschutzlacke. Ergänzend dazu gibt es mit der fugenlosen Beschichtung Deco Wall & Floor, die voll den Zeitgeist trifft, und mit der Kreativtechnik Villa Venezia kreative Gestaltungsprodukte.
BTH Heimtex: Herr Bley betonte, dass bei der Neuentwicklung die Zeitersparnis im Vordergrund steht. Kommt es auch auf Nachhaltigkeit an?
Vogt: Allein schon aufgrund des Zeitgeists. Aber wir bieten nicht nur nachhaltige Produkte an, die meisten unserer Neuprodukte sind inzwischen auf Wasserbasis. Darüber hinaus sind wir in sehr vielen Teilbereichen nachhaltig. Auf unserer Homepage haben wir in der Rubrik Nachhaltigkeit und Umwelt zusammengefasst, wie wir Nachhaltigkeit leben. Das Thema wird noch weiter an Bedeutung gewinnen.
Bley: Wir haben von 2020 bis 2022 durch den Einsatz der Photovoltaik-Anlage und des Blockheizkraftwerks 421 t CO
2 eingespart. Unsere Nachhaltigkeitsstrategie fängt bei Strom aus Photovoltaik und Blockheizkraftwerk sowie Wärme aus Wärmepumpen an, geht über E-Mobilität einschließlich Ladesäulen, natürliche Rohstoffe für wohngesunde Produkte sowie nachhaltige Gebinde aus Post-Consumer-Recyclingmaterial und endet bei nachhaltiger Personalführung. Wir bieten unseren Mitarbeitern unter anderem kostenlos Wasser sowie eine kostenfreie Mitgliedschaft im Fitness-Club an, subventionieren Speisen und sind tarifgebunden.
BTH Heimtex: Sie haben kürzlich in einen neuen Seminarraum investiert. Ist in den Seminaren und Workshops Nachhaltigkeit ein Schwerpunkt?
Bley: Ja sicher. Aber unsere Seminarangebote setzen schon an, bevor ein Produkt nötig wird. So erfreuen sich unsere Schimmel-Seminare großer Nachfrage. Darin weisen wir die Handwerker darauf hin, was deren Kunden unternehmen müssen, damit Schimmel gar nicht erst auftaucht. Unser Schimmel-Prospekt beschäftigt sich auf den ersten Seiten nur mit der Vermeidung von Schimmel, Produkte kommen dort noch gar nicht vor, sie folgen später. Die Handwerker nutzen diese Broschüre gerne, legen sie sogar den Angeboten bei.
BTH Heimtex: Welche weiteren Schwerpunkte hat Ihr Weiterbildungsangebot?
Jägersküpper: Im dekorativen Bereich vermitteln wir Wissen über unser Produkt Deco Wall & Floor, mit dem der Handwerker sehr schnell fugenlose Beläge aufbringen und modernes Flair im Raum erzielen kann, ohne beispielsweise im Badezimmer die Fliesen entfernen zu müssen. Aber auch mit Markierungen sowie Büro- und Kommunikationsfarben beschäftigen sich die Fortbildungsangebote. Ergänzend bieten wir individuelle Seminare, abgestimmt auf die Interessen der Teilnehmer an.
Bley: Deco Wall & Floor ist für uns ein Hammer. Trotz Corona und dem daraus resultierenden Mangel an Schulungen war das erklärungsbedürftige Produkt unsere beste Neuheiteneinführung bisher. Es deckt die Bedürfnisse des Marktes ab. Mit wenig Material, Lärm und Schmutz ist der Verarbeiter in der Lage, hervorragende Flächen in Bereichen zu realisieren, wo bisher Fliesen oder andere Materialien zum Einsatz kamen. Deco Wall & Floor kann auch in der Dusche eingesetzt werden, nicht in der Duschtasse, aber im Feuchtbereich. Es wurden damit schon rund 70.000m
2 gestaltet.
BTH Heimtex: Ist die Gestaltung von Innenräumen dank Deco Wall & Floor ein neues Feld für Jaeger Lacke geworden?
Goulios: In der Innengestaltung sind wir schon seit knapp 30 Jahren mit unserer Kreativtechnik Villa Venezia erfolgreich. Ausgehend von den klassischen venezianischen Glätte- und Spachteltechniken folgten wir stets den aktuellen Markttrends mit beispielsweise Echt-Rost, Kupfer-Patina und Metallic Glättespachtelmassen. Unser Kalk-Lehmputz Calce Argilla ist ein wohngesundes Produkt, das auch in unseren Schulungen als nachhaltig präsentiert wird. Es sorgt für ein gesundes Raumklima.
BTH Heimtex: Profitieren Sie mit Ihren kreativen Gestaltungsmaterialien vom Rückgang der Tapetennachfrage?
Bley: Ich denke, dass die dekorativen Produkte Ergänzungen zur Tapete sind. Wenn jemand diesen Look haben möchte, zieht er die Tapete als Alternative kaum in Erwägung. Wichtig ist beispielsweise bei Deco Wall & Floor, dass es für fugenlose Flächen sorgt. Die liegen im Trend. Und der Handwerker kann in relativ kurzer Zeit ein Zimmer in einer Pension oder einem Hotel damit ausstatten und dabei die Fliesen an der Wand lassen. Bei der Renovierung gibt es mit dem Produkt so gut wie keinen Staub und keinen Lärm, so kann das benachbarte Zimmer weiter genutzt werden. Das ist für den Handwerker interessant.
BTH Heimtex: Mit dieser Produktkategorie kann sich der Maler, der zunehmend beratend tätig ist, von der Konkurrenz absetzen. Nutzt er sie?
Bley: Absolut. Der Maler kann mit diesen Produkten Techniken anbieten, die gerade in sind. Vor dem Hintergrund, dass die Anzahl der Betriebe und die Zahl der Hände in den Betrieben mit leicht sinkender Tendenz nahezu stabil sind, geht es darum, die Produktivität des Handwerks zu steigern.
BTH Heimtex: Arbeiten Sie bei der Entwicklung neuer Produkte mit dem Maler zusammen?
Bley: Auf jeden Fall, wann immer es geht. Dennoch gucken wir links und rechts, um herauszufinden, was wir noch tun können. Wir suchen Netzwerke, die wir weiter ausbauen können, um Märkte gemeinsam zu bearbeiten.
BTH Heimtex: Wir sprachen über notwendige Produkte wie Markierungen und kreative Produkte für die Innengestaltung. Sie haben noch ein weiteres Produkt auf den Weg gebracht, das in keine der beiden Kategorien passt - nämlich die Poolfarbe für GFK-Becken. Wie entwickelt sich die Nachfrage in Zeiten von aufkommendem Wassermangel?
Bley: Die Nachfrage ist sehr gut. Die Anzahl der GFK-Pools hat in den vergangenen Jahren zugenommen.
Vogt: Wir hatten schon immer eine Schwimmbadfarbe im Sortiment. Aber Flächen aus glasfaserverstärktem Kunststoff waren eine Lücke, die wir mit dem neuen Produkt schließen.
BTH Heimtex: Werden Sie weitere Nischen besetzen?
Goulios: Unsere Kernkompetenz ist Isolieren, Grundieren, Markieren, Absperren, Renovieren. Im Laufe der Zeit haben wir neue Bausteine wie Anti-Schimmel dazu aufgenommen. Ähnlich wie im wichtigen Bereich Markieren fragen wir uns für jeden Baustein, ob noch Produkte fehlen oder wir die bestehenden optimieren können. In jedem einzelnen Baustein können wir für die jeweiligen Anforderungen die passenden Produkte liefern. Unser Ziel ist es, jedes Jahr drei bis vier neue Produkte auf den Markt zu bringen. Das gilt auch für 2024. Dann werden wir die Neuheiten auch auf der Messe Farbe - Ausbau und Fassade in Köln präsentieren.
BTH Heimtex: Wofür stehen Ihre Marken Löwe und Keller?
Bley: Keller war eine Akquisition von 1996. Das Sortiment des norddeutschen Unternehmens hatte Überschneidungen mit unserem, war vor allem im Bereich Isolierprodukte stark. Diese gibt es noch im Großhandel. Löwe kam aus dem Bereich Autorostschutz und bietet vor allem hochwertige Produkte für den aktiven Korrisionsschutz an.
BTH Heimtex: Wie hoch ist Ihre Exportquote?
Bley: Knapp 10 %. Wir konzentrieren uns auf den Bereich Österreich, Schweiz und die Benelux-Staaten.
Goulios: Wir sind aber auch in Serbien und Griechenland aktiv. Unser Blick richtet sich auf ganz Europa.
BTH Heimtex: Sie haben einen neuen Seminarraum und neue Produkte auf den Markt gebracht. Das kostet Geld. Wie hoch sind Ihre Investitionen?
Bley: Als mittelständisches Unternehmen müssen wir kontinuierlich investieren, um künftigen Marktanforderungen gerecht zu werden. Um technisch auf dem aktuellen Stand zu sein, haben wir in Dissolver, eine neue Abluftanlage und eine neu Dosieranlage investiert. 2024 investieren wir in eine neue Abfüllanlage. Somit liegen unsere Investitionen im sechsstelligen Bereich. Eine weitere Investition war unser Werkraum. Dort werden Seminare und Workshops sowohl für den Handwerker als auch den Händler angeboten. Der Werkraum kann auch gemietet werden, größtenteils unentgeltlich. Unsere Vorstellung ist, dass er sich zu einem Begegnungsort rund um das Thema Farbe entwickelt.
Lorenz: Um effizienter produzieren zu können, investieren wir vor allem auch stetig in die Produktion. Ebenso in die EDV.
BTH Heimtex: Machen Sie beim Datenmanagementsystem XPIM des Bundesverbands Großhandel Heim & Farbe (GHF) mit?
Bley: Ja, denn als kleiner Hersteller können wir es uns nicht leisten, einen Trend zu verpassen. Das ist der Grund, aus dem wir bei XPIM mitmachen - und unsere EDV-Affinität. Wir brauchen solche Datenmanagementprozesse, damit der Handwerker mehr Lohnminuten auf die Rechnung bekommt. Er muss mehr Zeit fürs Kerngeschäft haben.
BTH Heimtex: Ist der Handwerker auf die Digitalisierung vorbereitet?
Jägersküpper: Ich denke ja. Es gibt zwar noch die alteingesessenen Handwerksmeister, denen Veränderungen schwer fallen. Aber in der nächsten Generation ist Digitalisierung weit verbreitet. Einige junge Handwerker sind sogar als Influencer auf den verschiedenen Kanälen tätig. So hilft Digitalisierung, die jungen Leute für den Beruf zu begeistern. Es wird die Botschaft ausgesendet: Man muss nicht alles mit der Hand machen, es gibt auch Technik.
Vogt: Es gibt nicht die eine homogene Malerbranche, sondern auch sehr viele jüngere Maler, die auf Social Media aktiv sind. Auf unserer Webseite werden deshalb alle über Whatsapp, Social Media oder per E-Mail eingegangenen Anfragen gebündelt und kurze Zeit später beantwortet. Dieses Angebot wird stark nachgefragt.
BTH Heimtex: Gewinnen Sie auf diese Weise Nachwuchs?
Bley: Trotz der vielen Industriebetriebe im Raum Stuttgart, die hohe Gehälter bieten, schaffen wir das. Wir gehen in diesem Bereich auch neue Wege. So haben wir einer unserer Auszubildenden die Möglichkeit gegeben, sich als Influencerin zu entwickeln. Sie erhält ein Fortbildungsseminar vom Arbeitgeberverband, und kann dann später als Influencerin neue Azubis für Jaeger anwerben. Das könnte das Handwerk einmal übernehmen.
BTH Heimtex: Bekommt Jaeger auch genug ausgebildete Fachkräfte?
Bley: Wir sehen große Chancen, über das Gespräch an Fachkräfte heranzukommen. Dabei müssen wir deutlich machen, welche Vorteile ein mittelständisches Unternehmen hat. Außer der Bezahlung geht es schließlich auch um Faktoren wie Sinn der Arbeit, Zufriedenheit, Zwischenmenschliches.
Goulios: Wir bilden überdurchschnittlich aus und haben sehr viele Eigengewächse im Unternehmen. Unsere Stärke sind Ausbildung, eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen sowie die angebotenen Perspektiven.
| Die Fragen stellte Cornelia KüselDaten + Fakten
Jaeger Lacke
Paul Jaeger GmbH & Co. KG
Siemensstraße 6
71696 Möglingen
Tel.: 07141/24 44-0
info@jaegerlacke.de
www.jaegerlacke.de
Geschäftsführer:
Andreas Bley
Vertriebsleiter:
Vassilios Goulios
Marketingleiter:
Lorenz Vogt
Leiter Anwendungstechnik:
Michael Jägersküpper
Gegründet: 1908
Mitarbeiter: rund 55
Umsatz: circa 13 Mio. EUR
aus
BTH Heimtex 09/23
(Wirtschaft)