GHF-Jahrestagung 2023
Umsätze sinken, aber Hoffnung keimt
Der Großhandel musste in den ersten sieben Monaten 2023 Umsatzeinbußen von 3,8 % hinnehmen. Geschäftsführer Bert Bergfeld verbreitete auf der GHF-Jahrestatung trotzdem Zuversicht und rief zum Handeln auf.Die Krise im Baugewerbe hat auch die Bilanz der Farben- und Bodenbelagsgroßhändler verhagelt. Der Umsatz der im Großhandelsverband Heim & Farbe (GHF) organisierten ordentlichen Mitglieder sank nach dem Betriebsvergleich in den ersten sieben Monaten 2023 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 3,8 %, wobei Bodenbeläge die höchsten Rückgänge aufweisen. Angesichts dieser negativen Entwicklung im Anschluss an die wirtschaftlich erfolgreichen Corona-Jahre appellierte Verbandsgeschäftsführer Bert Bergfeld bei der zweitägigen Jahreshauptversammlung im Hotel Lufthansa Seeheim an die Unternehmen, nicht zu resignieren, sondern nach vorne zu schauen. Das schöne Spätsommerwetter mit viel Sonnenschein wurde von vielen der 240 Tagungsteilnehmer aus Handel und Industrie als gutes Omen gewertet.
"Alles Jammern hilft nichts", betonte Bergfeld im Hinblick auf die vielen Herausforderungen wie Inflation, sinkende Bautätigkeit, Fachkräftemangel, hohe Zinsen und Bürokratie, vor denen die Branche steht, und machte Mut: "Der Umsatzrückgang wird vorbeigehen, hoffentlich im nächsten Jahr, auch wenn aktuell wenig dafür spricht und die Signale aus der Politik noch sehr schwach sind. Dennoch haben die Betriebe, die im Privatkundengeschäft aktiv sind, immer noch eine gute Auslastung." Und die Aussichten im gestaltenden Handwerk bezeichnete der Geschäftsführer als erfreulich: "Millionen Häuser und Wohnungen der Babyboomer-Jahrgänge warten auf energetische Sanierung und Renovierung."
Eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage wird noch auf sich warten lassen. Das signalisierte der GHF-Vorstandsvorsitzende Frank-A. Kühnel, Vorstand und Geschäftsführer von Maler-Einkauf Rhein-Ruhr. Er geht auch für das zweite Halbjahr 2023 nicht von einer Wende aus. Doch warnte er davor, über niedrigere Preise höhere Umsätze erzielen und dadurch eine Kompensation erreichen zu wollen. Solches Handeln führe in die Irre: "Der Kampf, den Preis und nicht den Rabatt zu verkaufen, lohnt sich", so sein Appell an die Zuhörer.
Bert Bergfeld stellte anschließend die Umsatzentwicklung der einzelnen Warengruppen aus dem Betriebsvergleich vor. Bei einem Umsatzrückgang von insgesamt 3,8 % von Januar bis Juli 2023 legten die einzelnen Sortimente eine unterschiedliche Performance hin. Den stärksten Einbruch gab es bei Parkett und Laminat mit 21,0 %. Aber auch der Umsatz mit elastischen Bodenbelägen ging um 7,9 % zurück.
Besser sieht es für die Farbengroßhändler aus. Sie verzeichneten mit Wärmedämmverbundsystemen ein Umsatzplus von 3,3 %, bei Spachtelmassen und Klebstoffen Wand liegt es bei 3,5 %. Deutlich zurück gingen Heimtextilien (-8,1 %) sowie Lacke und Lasuren (-3,2 %). Der Umsatz mit Farben für Wand und Boden sank lediglich um 1,7 %. Diese Produkte machen mit 22 % den Hauptanteil unter den Warengruppen aus.
Bei einer insgesamt unerfreulichen Entwicklung überrascht der Markt für Werkzeuge, Maschinen, Klebebänder. In diesen Sortimenten stieg der Umsatz um 5,1 %. Über alle Warengruppen hinweg generierten die Großhändler in den ersten sieben Monaten dieses Jahres einen Umsatz von rund 1,8 Mrd. EUR.
Digitalisierung ist Schwerpunkt
Ein wichtigste Thema der Jahrestagung war die Digitalisierung. Mehrere Redner beschäftigten sich damit, unter anderem der GHF-Vorsitzende. Er wies auf die Materialstamm-Datenplattform XPIM hin, die Industrie und Handel beim wachsenden Onlinegeschäft begleiten soll. "XPIM entwickelt sich weiter - technologische, aber auch inhaltlich über unsere Branche hinaus", betonte Kühnel. Mittlerweile seien 17 Hersteller voll integriert, sechs in der Anbindung und demnächst sollen die Großhändler an der Reihe sein. Vier weitere Branchen wie Medizintechnik, Fahrradhandel, Sanitätshandel und Baustoffhandel hätten Interesse an einer Zusammenarbeit. XPIM ermöglicht es, dass Produktdaten herstellerübergreifend an den Fachgroßhandel ausgegeben erden können, ohne dass ein zentraler Standard notwendig wird.
Der GHF sieht sich aber nicht nur beim Thema Digitalisierung als Partner für den Großhandel, sondern unterstützt ihn auch auf anderen Feldern wie Ausbildung, Lieferkettengesetz, CO
2-Bepreisung oder Hinweisgeberschutzgesetz. Die Leistungen werden angenommen, das zeigt sich auch an der Mitgliederentwicklung. Neue ordentliche Mitglieder sind Libero, Ruhe & Co., Farben Schmid und Spillner, als neue Fördermitglieder gehören Classen, Kansai Helios und Wagner dem Verband an. Der zählt insgesamt 170 Mitglieder - 51 % Großhandel, 49 % Industrie.
Eine Veränderung gab es im GHF-Vorstand. Ulrich Schabel (Farbtex) schied aus dem Gremium aus. Neues kooptiertes Mitglied ist Volker König (Mega). Seine Berufung erfolgte auf Vorstandsbeschluss. Die nächsten turnusgemäßen Vorstandswahlen erfolgen 2024 bei der Jahreshauptversammlung, die am 18. und 19. September wahrscheinlich in Leipzig stattfinden wird. Dann werden die Mitglieder wieder vor, zwischen und nach den zahlreichen Vorträgen reichlich Gelegenheit haben, sich fachlich auszutauschen.
| Cornelia KüselDie Vorträge der GHF-Jahrestagung
Peter Vahrenhorst sprach über die Prävention von Cyber-Kriminalität. Dabei wies der ehemalige Kriminalhauptkommissar darauf hin, dass in jedem Bundesland eine Polizei Abteilung Cybercrime eingerichtet wurde, an die sich Unternehmen und Bürger im Fall eines Angriffs auf die IT wenden können.
Lisa Winkler ist die nächste Generation bei Farbengroßhändler Hawo. Die 24-jährige Studentin nannte als Herausforderungen für Familienunternehmen Urbanisierung, geografischen Wandel und Nachfolge. Ihre zentrale Forderung für ihre Generation: "Wir wollen weg von klassischen Rollenbildern."
Dr. Lasse Meißner, Gründer und Geschäftsführer von Vecovio, begleitet digital-nachhaltige Transformationsprojekte. Am Beispiel des Einzelhändlers Butlers, der mittlerweile von Home24 übernommen wurde, gab er Tipps, wie die Digitalisierung im Handel gelingen kann.
Guido Müller, Präsident des Bundesverbands Farbe, Gestaltung, Bautenschutz, appellierte an das Publikum, die Messe Farbe, Ausbau und Fassade im April 2024 zu unterstützen. Sie sei etwas ganz besonderes, ein Treffpunkt für die gesamte Branche, um neue Produkte zu erleben und sich auszutauschen.
Verkehrspilot Philip Keil zeigte beeindruckende Bilder von einer Notwasserung auf dem Hudson River in New York im Jahre 2009. Dies sei den Piloten und der Flugsicherung nur durch vertrauensvolle Zusammenarbeit ohne Hierarchien gelungen. "Vertrauen ist der Treibstoff für Erfolg", sagte Keil.
GHF-Geschäftsführer
Bert Bergfeld begrüßte das CDU-Urgestein Wolfgang Bosbach. Der Jurist, der sich 2021 aus der Politik verabschiedet hat, rief die Anwesenden dazu auf, sich in Parteien zu engagieren. "Demokratie lebt vom Mitmachen", betonte er in seiner launig vorgetragenen Rede.
Holger Schwannecke, Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, sieht das Handwerk vor Probleme gestellt, die sich nur gemeinsam lösen ließen, etwa die Digitalisierung. "Vor ihr darf das Handwerk keine Angst haben, sondern sollte die Chance nutzen", betonte er.
Sarah Sommer von XPIM erläuterte, wie der Stand des Datenbankmanagementsystems des GHF anderthalb Jahre nach Gründung ist. Weitere Unternehmen haben sich angeschlossen, die Datensammlung wurde weiter aktualisiert.
aus
BTH Heimtex 11/23
(Wirtschaft)