VDT Verband der Deutschen Tapetenindustrie e.V.
Branche zeigt sich beim Tapetengipfel vereint und stark
Auf dem Tapetengipfel im Wiesbadener Kurhaus lauschten rund 90 Vertreter aus Industrie, Handel und Handwerk den Lösungsansätzen von Experten. Im Mittelpunkt: Digitalisierung, KI und Trends.Es war der perfekte Rahmen für den 7. Tapetengipfel des Verbands der Deutschen Tapetenindustrie (VDT). Das Branchenevent fand in diesem Jahr im prunkvollen Kurhaus Wiesbaden statt, das mit seiner im Jugendstil errichteten Architektur rund 90 Fachleute aus Industrie, Groß- und Fachhandel sowie dem Maler- und Raumausstatterhandwerk begeisterte. Die Veranstaltung unter dem Motto "Großhandel & Profi" stellte Trends vor und lieferte Impulse zur Digitalisierung. Weiter ging es um die Frage, wie Tapete noch sichtbarer und Verarbeiter stärker an das Produkt herangeführt werden könnten.
Ein Highlight war der inspirierende Beitrag von Malermeisterin Jessica Jörges, die leidenschaftlich für die Tapete brennt und Beispiele aus ihrer täglichen Arbeit präsentierte. Bevor sie jedoch kenntnisreich und optimistisch einen emotionalen Vortrag zum Thema Wandbekleidung lieferte, kam dem Verbandsvorsitzenden Dr. Frederick Rasch die Rolle zu, in seinem Eröffnungsreferat die nackten Zahlen zu präsentieren und sachlich die wirtschaftliche Entwicklung zu beschreiben.
4 % mehr Umsatz im ersten Quartal
Nach seinen Ausführungen zeigte sich im erste Quartal 2025 zumindest auf dem deutschen Markt ein kleiner Hoffnungsschimmer. Hier stiegen die Anzahl verkaufter Rollen (4,2 Mio.) und der Umsatz (26,3 Mio. EUR) gegenüber dem Vorjahresquartal jeweils um knapp 4 %. Weniger erfolgreich zeigt sich der Export. Die Zahl der verkauften Rollen sank um 7 % auf 5,4 Mio., der Umsatz um 6 % auf 32,6 Mio. EUR.
Die Branche leidet bereits seit 2019 unter einem Schrumpfungsprozess: 2024 wurden von deutschen Herstellern 34,0 Mio. Rollen abgesetzt und ein Umsatz von 206,9 Mio. EUR erzielt - im Fünf-Jahres-Vergleich bedeutet dies einen Rückgang von 35 % in der Menge und 16 % im Wert. Anders als zuletzt, hat sich der heimische Markt in diesem Zeitraum schlechter entwickelt als das internationale Geschäft. In Deutschland reduzierten sich die Stückzahlen seit 2019 von 20,0 Mio. auf 12,1 Mio. Rollen (-39 %), der Umsatz gab um 23 % von 98,8 Mio. auf 76,1 Mio. EUR nach. Im Export büßte die Industrie in der Menge (32,1 Mio./21,9 Mio. Rollen) 32 % und im Wert (148,2 Mio./130,8 Mio. EUR) 12 % ein. Rasch sieht in der allgemein unsicheren Lage, der hohen Inflation und den Folgen des Krieges Russlands gegen die Ukraine wesentliche Gründe für die negative Entwicklung.
"Die Tapete war einmal ein wichtiges Renovierungsprodukt, heute eher ein dekoratives Nischenprodukt", meinte VDT-Vorsitzende, sah darin aber keinen Grund für Resignation. Er appellierte an Großhandel und Industrie, die Konsolidierung als Chance zu verstehen und sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. Er traut der Branche zu, die Herausforderungen zu meistern. Schließlich zeige sie Mut und Engagement: "Investitionen in Design und Innovation werden trotz der schwierigen Rahmenbedingungen fortgesetzt." Rasch rief zu Zusammenarbeit, Austausch und gemeinsamer Zukunftsgestaltung auf.
Plädoyer für die Mustertapete
Mit frischem Blick nach vorn schaute Malermeisterin Jessica Jörges, Gewinnerin des Malerstars 2024 und Betreiberin des Blogs "Bunte Zukunft". Nach dem Abitur begann sie 2016 die Ausbildung zur Malerin, erlangte 2020 den Meistertitel und arbeitet seither im elterlichen Familienbetrieb in Dreieich. Dort engagiert sie sich als Juniorchefin in der Ausbildung und Nachwuchsförderung, unter anderem durch Projekte und TV-Produktionen.
Wie der Titel ihres Vortrags "Von der Wand ins Herz: Wie Tapeten wieder begeistern können" versprach, hielt die 27-Jährige ein lebhaftes Plädoyer für die Mustertapete, zeigte eigene Arbeiten, gab Tipps zu Beratung, forderte mehr Workshops und Fortbildungen zur Weitergabe von Fachwissen und rief dazu auf, dem Nachwuchs die Angst vor dem Tapezieren zu nehmen: "Tapete darf in der Ausbildung kein Angstgegner mehr sein."
Beim Verkauf des beratungsintensiven Produkts müsse deutlich werden: "Durch Tapete bekommen Räume eine Seele." Um ihre optischen Vorteile herauszustellen, sind nach Ansicht der Malerin nicht nur Tapetenbücher, Showrooms und Mustertafeln wichtig. Benötigt würden auch moderne Visualisierungsmöglichkeiten und nachhaltige Produktlösungen. "Tapete soll wieder begeistern - Kunden und Handwerker", lautet ihre zentrale Aussage.
Damit hatte Jörges bereits viele Aspekte und Lösungsvorschläge vorweggenommen, die auch in der Podiumsdiskussion "Beratung, Nachhaltigkeit & Prozessoptimierung" noch einmal angesprochen wurden. Moderatorin Natalie Häntze streifte zusammen mit fünf Teilnehmern aus Industrie, Handel und Handwerk zahlreiche Punkte, ohne jedoch bei einzelnen Fragestellungen weiter in die Tiefe zu gehen. Einigkeit herrschte abschließend in der Runde darüber, dass die Branche noch stärker als zuvor an einem Strang ziehen müsse.
Digitalisierung und Innovation
Vor welchen Herausforderungen der Großhandel steht und wie er darauf reagieren kann, zeigten die Vorträge von Frank Rehme und Stefan Binkowski. Handelsexperte Rehme, Geschäftsführer der Unternehmensberatung gmvteam, machte in seinem Beitrag "Neue Rolle: Die zukünftige Aufgabe des Großhandels als Erfolgspartner" deutlich, dass sich die Funktion des Großhandels verändere. Dieser dürfe sich in Zukunft nicht darauf beschränken, nur Produkte zu liefern, sondern müsse seine Kunden erfolgreicher machen und ihnen zusätzliche Leistungen wie KI-Lösungen bieten. Digitalisierung und Daten sowie Mut und eine Vision spielten in Zukunft die Schlüsselrollen.
Wie sich Künstliche Intelligenz (KI) in den täglichen Geschäftsbetrieb einbauen lässt, erläuterte Stefan Binkowski, Omnichannel & KI Experte für Groß-/Einzelhandel und Inhaber von Kunden im Fokus. Das Fazit des Vortrags "Großhandelsvertrieb ohne KI mittlerweile wie Tapete ohne Kleister, oder?" lautet: Unternehmen sollten sich auf die Bedürfnisse verschiedener Generationen einstellen und KI so einsetzen, dass sie zeitraubende manuelle Tätigkeiten übernimmt. Dafür bedürfe es aber sauberer Daten.
Cornelia KüselImmer weniger Malerbetriebe, die Tapeten verarbeiten könnten
Die Teilnehmer des Tapetengipfels gaben sich zuversichtlich, mit vielen gemeinsamen Maßnahmen die Nachfrage nach Tapeten wieder steigern zu können. Bleibt die Frage, wer die Rollen künftig an die Wand bringt. Denn nach Auskunft von Mathias Bucksteeg, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Farbe Gestaltung Bautenschutz, wird es infolge des demografischen Wandels immer weniger Maler- und Lackierer geben.
"Es wird erwartet, dass in 15 Jahren 30 % weniger Beschäftigte und Betriebe existieren", machte er beim Tapetengipfel deutlich. Allein im ersten Quartal 2024 sei die Zahl der Beschäftigten um 8 % eingebrochen. Die Ausbildungsleistung müsse sich verzehnfachen, um den Rückgang auszugleichen.
Derzeit vertritt der Bundesinnungsverband der Maler und Lackierer sowie der Fachzeuglackierer in Deutschland direkt 13.000 Betriebe, indirekt 39.000. Der Umsatz mit Tapezierarbeiten beläuft sich nach Angaben Bucksteegs trotz des Rückgangs an Beschäftigten konstant auf rund 2 Mrd. EUR. Er macht bis zu 12 % des Gesamtumsatzes aus.
Wie der Hauptgeschäftsführer weiter erläuterte, beraten 49 % der Betriebe regelmäßig zu Tapeten, 51 % nur auf Nachfrage. 27 % der Firmen hätten in den vergangenen zwölf Monaten 24 Tapezierprojekte gehabt, also zwei pro Monat. 49 % wollten nicht mehr ausbilden, 27 % planten die Betriebsschließung, weil häufig kein Interesse an einer Nachfolge bestehe.
Die rückläufige Zahl an Malern und Lackierern ist nach Einschätzung Bucksteegs aber nicht die einzige Veränderung der Branche. Um zukunftsfähig zu bleiben, müsse sie sich auch auf Spezialisierung, Digitalisierung, stärkere Kundenbindung und eine koordinierte Ausbildung konzentrieren. Damit stehe sie vor vielfältigen Herausforderungen, die außer vom demografischen Wandel auch von einem Wertewandel, einem zunehmenden Einfluss von Ketten, Franchisesystemen und Finanzinvestoren sowie technologischen Entwicklungen ausgelöst würden.
Bucksteeg rief die Industrie zur Unterstützung auf. Sie sollte stärker auf das Profihandwerk eingehen, um dieses als Stabilitätsanker zu festigen und die immer geringer werdende Markentreue wieder zu fördern. Es gelte, den Kundenkontakt wieder zu intensivieren. "Manche Hersteller haben schon keinen Malermeister mehr im Vertrieb", kritisierte der Hauptgeschäftsführer und vertrat die Meinung, dass ein Team aus reinen Vertrieblern der falsche Weg sei.
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BTH Heimtex 07/25
(Marketing)