VDB-Tagung 2025

"Der stationäre Handel muss seine Rolle neu denken"

Auf der VDB-Tagung, die in diesem Jahr Ende April in Fulda stattfand, fand nicht nur der Vorsitzende Marc Böhle klare Worte zur aktuellen Situation in der Branche: Der Wandel im Handel ist Realität - nicht irgendwann, sondern jetzt. Auch Vorträge und Podiumsdiskussionen gaben den anwesenden Vertretern aus Handel und Industrie Tipps und Inspirationen, aktuelle Herausforderungen wie veränderte Kundenbedürfnisse und die digitale Transformation als Chance zu begreifen.

In einer Zeit massiven Wandels, in der die Herausforderungen für den stationären Fachhandel immer größer werden, richtete VDB-Präsident Marc Böhle sich in seiner Eröffnungsrede zur diesjährigen Verbandstagung in Fulda mit einem eindringlichen Appell an Händler und Hersteller der Bettenbranche. Kern seiner Botschaft: Jetzt ist der Moment zum Handeln, nicht zum Zögern. "Wir treffen uns hier in einer Zeit, in der der Wandel nicht mehr an unsere Tür klopft - er ist bereits mitten in unseren Geschäften, in unseren Bilanzen, in den Erwartungen unserer Kunden", ordnete der Bettenfachhändler aus Hamburg die aktuelle Situation ein.

Marc Böhle empfiehlt, die Rolle des stationären Handels neu zu denken. Wer beispielsweise weiterhin auf klassische Verkaufsmodelle ohne digitale Ergänzung setze, laufe Gefahr, schon bald den Anschluss zu verlieren. Erfolgreich seien hingegen Betriebe, die digitale Sichtbarkeit, Serviceinnovationen und kundenorientierte Lösungen in den Mittelpunkt stellen: "Unsere größten Stärken - Fachwissen, Qualität, persönliche Beratung - sind gleichzeitig unsere größten Chancen. Doch sie müssen modern verpackt und vermarktet werden."

Ein zentrales Thema für den Handel sieht der VDB-Präsident in der digitalen Transformation. Insbesondere der rasante Fortschritt im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) beeinflusse die Branche ganz konkret - intelligente Avatare, Chatbots und digitale Assistenten seien längst keine Zukunftsmusik mehr, sondern im Markt angekommen. "Die KI übernimmt Routineaufgaben, analysiert Bedürfnisse, unterstützt bei Produktempfehlungen. Unsere Mitarbeiter können sich auf das konzentrieren, was sie besonders macht: Empathie, Feingefühl, das Zwischenmenschliche", so Böhle. Ziel müsse es sein, die menschliche Kompetenz mit technologischen Möglichkeiten sinnvoll zu verbinden - für eine neue Qualität in der Kundenbeziehung.

Aller Unsicherheiten zum Trotz zeigte Marc Böhle sich in seiner Rede optimistisch. Der Markt für hochwertigen Schlaf sei weiterhin wachstumsfähig, ist er überzeugt, vorausgesetzt, die Branche sei bereit, auf neue Kundenbedürfnisse einzugehen:
•Nachhaltigkeit sei heute Standard und müsse als Verkaufsargument genutzt werden: "Kunden wollen wissen, woher ihre Produkte kommen."
•Gesunder Schlaf sollte als Gesamtkonzept verkauft werden - mit Beratung, Zusatzservices und langfristiger Kundenbindung: "Kunden suchen Lösungen, keine Einzelprodukte."
•Omnichannel-Strategien seien Pflicht, nicht Kür - von Social Media bis hin zu digitaler Beratung: "Wer heute nicht online sichtbar ist, existiert für viele Kunden nicht."

Neben dem digitalen Wandel sprach der VDB-Präsident auch über politische und wirtschaftliche Einflüsse: steigende Kosten, Personalmangel, Nachwuchssorgen und wachsende Konkurrenz durch Discounter oder neue Onlineplattformen wie TikTok Shop.

Kritisch betrachtete er zudem den neuen Mindestlohn. Dieser erhöhe den wirtschaftlichen Druck auf Händler und stelle die Branche vor die Herausforderung, durch Effizienz, Preismodelle und Mehrwertangebote gegenzusteuern. Gleichzeitig warnte Böhle vor den Folgen einer politischen und gesellschaftlichen Entwicklung, in der Fachhändler oft übersehen würden: "Wir sind zu leise als Händler und werden von der Politik kaum wahrgenommen."

Am Ende der Rede richtete Marc Böhle einen klaren Appell an die Tagungsmitglieder aus dem Bettenfachhandel: "Wer jetzt nichts verändert, der wird wahrscheinlich in fünf Jahren kein zukunftsfähiges oder gar kein Geschäft mehr haben." Die Zeit des Abwartens sei vorbei. Jetzt gehe es darum, aktiv zu gestalten, Netzwerke zu nutzen und die Chancen des Wandels zu ergreifen: "Wenn wir eines aus den vergangenen Jahren gelernt haben, dann ist es dies: Veränderung ist unausweichlich - und wer sie annimmt, wird erfolgreich sein."



Podiumsdiskussion: Gemeinsam mehr erreichen
Unter der Gesprächsleitung von Markus Kamps drehte sich die Podiumsdiskussion um die Frage, wie Handel und Industrie künftig noch besser zusammenarbeiten können. Dabei wurde deutlich: Vertrauen und Transparenz sind der Schlüssel. Für den Handel sprachen Miriam Ellermann (Betten Bormann, Dortmund) und Kay Heintzen (Bettenhaus Heintzen, Oldenburg), für die Industrie Klaus Neudecker (Rummel Matratzen) und Thomas Bußkamp (CEO der Eurocomfort Group). Das gemeinsame Fazit: Nur durch kontinuierlichen Dialog lassen sich Herausforderungen erfolgreich meistern.


Karl-Heinz Neuland: Warum KI alles verändert
Karl-Heinz Neuland ist sich sicher, dass KI den Planeten retten wird. Aber nicht nur das. Auch die Haustextil-Branche könne von der künstlichen Intelligenz, bzw. genauer gesagt vom "Machine Learning", profitieren. Noch könne man von einer künstlichen Intelligenz im eigentlichen Sinne nicht sprechen. Passender sei der Ausdruck "Kollaborative Intelligenz". Diese kann schon heute Angestellten lästige Routineaufgaben abnehmen wie auch die Sucherei nach Formularen übernehmen und so die Produktivität und das Wachstum von Unternehmen ankurbeln, so der Kölner Keynote Speaker, Coach und Autor. "Haben Sie keine Angst vor KI, sondern vor natürlicher Blödheit". Was die Zukunft zu bieten hat? Alles scheint möglich zu sein. KI speichert Wissen, spart Zeit, Geld aber nicht an Arbeitskräften. Die würden auch künftig nicht durch eine KI ersetzt, ihre Ressourcen nur anders genutzt.


Martin Auerbach: Matratzen EPR in Deutschland
Martin Auerbach, Geschäftsführer des deutschen Matratzenverbands, startete seinen Impulsvortrag gleich mit einer erschreckenden Umweltbilanz. In Deutschland werden jährlich ca. 6 Millionen Matratzen vernichtet. Ziel müsse aber sein, so Auerbach, Materialien im Lebenszyklus eines Produkts möglichst wieder in den Produktionskreislauf einzubringen. Dank der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) tragen Hersteller und Händler nun gemeinsam die Verantwortung für die Rücknahme und ordnungsgemäße Verwertung ihrer Produkte am Nutzungsende. Entsprechend müssten Matratzen so designt werden, dass sie aus weniger oder recycelten Materialien bestehen und mit Sollbruchstellen (z. B. schaltbare Kleber) zur Erleichterung der Demontage ausgestattet sind. Und das bei aktuell schwer erreichbaren, einheitlichen regulatorischen Zielvorgaben. Aber: "Wir etablieren ein System, an dem sich alle orientieren können", versprach Auerbach. "Für einen fairen Wettbewerb."


Podiumsdiskussion: So nutzt der Bettenfachhandel ChatGPT & Co.
Podiumsdiskussion: So nutzt der Bettenfachhandel ChatGPT & Co.

Künstliche Intelligenz ist ein riesiges Thema, auch im Bettenfachhandel. Talat Günther (Betten Günther), Stephanie Bewernitz (Rumöller), Eckhard Hillebrand (Hillebrand Liegen+Sitzen) und Frank Gaffrey (Betten Winkler) setzen jeweils auf KI und sind bereits die ersten Schritte gegangen. Dabei haben sie allerdings durchaus verschiedene Wege genommen und sind entsprechend unterschiedlich weit gekommen, wie sie im Rahmen der Podiumsdiskussion "So nutzt der Bettenfachhandel ChatGPT & Co." erläuterten.

Talat Günther und ihre Mitarbeiter haben bislang ausschließlich gute Erfahrungen mit ChatGPT gesammelt. "Im Unternehmen setzen wir ChatGPT ganz konkret ein. So haben wir zum Beispiel ein Event mithilfe der KI organisiert. Wir hatten zwar auch eigene Ideen, aber durch ChatGPT sind wir auf Dinge gekommen, auf die wir selbst nicht gekommen wären."

Auch Stephanie Bewernitz setzt auf diese KI und zeigte sich in Fulda von den vielfältigen Entlastungsmöglichkeiten, die ChatGPT ihr bietet, begeistert. Erleuchtet habe sie damals ein KI-Webinar. "Anschließend haben wir angefangen mit ChatGPT zu arbeiten. Jetzt übernimmt es für uns repititive Aufgaben: Produkttexte schreiben, Datenanalysen, Konzepte für Personalschulungen, Blogtexte & Stellenanzeigen, Bilderstellungund vieles mehr."

Eckhard Hillebrand nutzt auf seiner Website einen KI-gestützten Chatbot. "Dieser ist seit etwas mehr als einem halben Jahr im Einsatz und basiert auf ChatGPT-Technologie, musste aber anfangs händisch trainiert werden." Das Icon sei bewusst dezent gehalten, damit Kunden zuerst den persönlichen Kontakt suchen. "Aber es ist immer verfügbar."

Vor etwa zwei Jahren startete Frank Gaffrey ebenfalls zunächst mitChatGPT. "Aktuell stellen wir im Unternehmen jedoch aufGemini von Google um. SeitSeptemberletzten Jahres läuft Emma bei uns im Betrieb - und sie hat sich schnell als sehr wertvoll erwiesen. Sie läuft lokal und automatisiert viele Prozesse direkt auf dem Gerät, was sie sehr flexibel und unabhängig macht."
aus Haustex 05/25 (Wirtschaft)