Domotex
Die Domotex zeigt sich in neuem Gewand
Rund 12.500 Besucher und 500 Aussteller erlebten in Hannover eine neu konzipierte Domotex, die Qualität vor Masse setzte, zusätzliche Sortimente präsentierte und neue Chancen aufzeigte. Alles in allem ein gelungener Neustart und eine Messe, die mit den Veranstaltungen der Vergangenheit nur bedingt vergleichbar ist.Wer sich auf den Gängen der Messehallen in Hannover umhörte, vernahm sehr gemischte Stimmen. Manche sahen die Domotex nur noch als "Schatten ihrer selbst", andere erkannten in den Veränderungen pragmatisch neue Chancen. Feststeht: Es ist alles eine Frage der Perspektive - und vielleicht auch der Generation. Messen haben es derzeit schwer, und auch die Domotex, einst die größte Teppich- und Bodenbelagsmesse der Welt, hat sich gewandelt. Wer hier früher unterwegs war, erinnert sich an endlose Hallen, Gedränge in den Gängen und eine schier unüberschaubare Zahl an Ausstellern. Heute wirkt alles mindestens ein Nummer kleiner, sind die Wege kürzer, die Stände konzentrierter. Aber die Veranstalter haben bewusst einen neuen Maßstab angesetzt, der die Messe nicht mit ihrer Vergangenheit vergleicht, sondern als Plattform für die heutige Branche positioniert.
Unter dem Leitmotiv "Home of Flooring & Interior Finishing" öffnete die Domotex 2026 als branchenübergreifende Veranstaltung für Bodenbeläge, Wand- und Deckensysteme, Akustiklösungen, modulare Raumkonzepte sowie Sichtschutzsysteme ihre Tore. Rund 12.500 Besucherinnen und Besucher gingen an den vier Messetagen ein und aus. Über 500 Unternehmen aus mehr als 50 Ländern präsentierten ihre Entwicklungen. Zum Vergleich: 2024 waren rund 1.000 Aussteller und 18.000 Besucher in Hannover. Aber wer die Hallen unvoreingenommen betrat, erlebte einen lebendigen Treffpunkt für Fachhandel, Handwerk und Industrie. Die Messe vermittelte ein wenig das Bild eines "großen Wohnzimmers" für die Branche - und das ist keinesfalls (nur) negativ zu werten, denn die familiäre Atmosphäre erleichterte die Vernetzung, persönliche Gespräche und den informellen Austausch.
Retailers Park:
Kommunikation vor Präsentation
Ein wichtiger Baustein für diesen Austausch war erneut der in Kooperation mit Decor-Union und Mega organisierte Retailers Park in Halle 21, der 2024 seine Premiere feierte und jetzt in zweiter Auflage zu sehen war. Hier, auf dem dicht an dicht gestaffelten "Marktplatz der kleinen Stände" steht Kommunikation vor Präsentation. 40 Unternehmen zeigten sich und ihr Sortiment in den Karrees dieses Areals, das sich flächenmäßig - auch wegen der neuen Möglichkeit doppelter Standgröße - im Vergleich zur vorigen Ausgabe verdoppelt hat. Vertreten waren zahlreiche namhafte Unternehmen wie Gerflor, Condor Group, Das Teppichwerk, Egger, Project Floors oder Meffert Farbwerke. Es herrschte durchweg reges Treiben, man führte gute Gespräche, so das Feedback vieler Aussteller. Das Format scheint weiterhin zu funktionieren. Zum einen, weil es Unternehmen in turbulenten Zeiten, in denen das Budget für einen großen Messeauftritt schlicht nicht da ist, entgegenkommt. Zum anderen, weil einige zunächst in die neue Domotex "hineinschnuppern" wollten, mit der Perspektive, beim nächsten Mal eventuell wieder mehr zu investieren.
Ob die minimalistischen Tresenstände generell die Zukunft der Messelandschaft prägen werden? "Die großen Stände werden sterben", meinte Frank Böttner, Geschäftsführer der Decor-Union. Prestigeobjekte machten heute keinen Eindruck mehr, für Vertrauen brauche es Augenhöhe. "Wenn der Außendienstler mit einem Rolls Royce vorfährt, sorgt das eher für Irritation."
Doch ganz ohne geht es dann scheinbar doch noch nicht. Aussteller wie FN Neuhofer, ter Hürne, Küberit, Carl Prinz, Selit, Kronospan oder Swiss Krono ließen in aufwändigen Standbauten der Fantasie freien Lauf, boten was fürs Auge und sorgten eindrucksvoll für klassisches Messefeeling. Andere versuchten die Aufmerksamkeit der Besucher durch Sinnesverführung auf sich zu ziehen, etwa mit Kulinarik, DJane oder eigener Cocktailbar.
Trend zur Anpassungsfähigkeit
Trotz neuer Ausrichtung lag der Fokus der Domotex weiterhin auf Bodenbelägen. Trends waren dabei in vielerlei Hinsicht auszumachen: Dass Nachhaltigkeit nach wie vor bei einem großen Teil der Unternehmen eine übergeordnete Rolle spielt, bedarf kaum noch einer gesonderten Erwähnung. PVC-freie Designbeläge, recycelte Materialien, kreislauffähige Werkstoffe und die Jagd nach den bestmöglichen Umweltzertifikaten bestimmen weiterhin die Sortimentsentwicklung vieler Anbieter. Da ist die Branche schon viel weiter als die Allgemeinheit. Auch bei Farben und Dekoren bleibt es naturnah, aber nicht grob-rustikal, sondern eher weich-dezent. Warme, erdige Töne sind sogar bei Leisten und Profilen gefragt.
Flexibilität ist das unternehmensstrategische Gebot der Stunde. Eine schnelle Anpassungsfähigkeit an die Bedürfnisse von Markt und Handwerk, eine breite Aufstellung des Sortiments und die Individualisierung gegenüber Kundenbedürfnissen seien der Schlüssel zum Erfolg in turbulenten Zeiten. Diejenigen unter den Ausstellern, die trotz des schwierigen Marktes auf ein positives Geschäftsjahr zurückblicken konnten, waren sich darin einig. Spezialisierung sei dieser Tage gefährlich. Entsprechend haben einige Bodenbelagshersteller das erweiterte Domotex-Konzept genutzt, um neben Kernsortimenten mit flexiblen Verlegesystemen auch ganzheitliche modulare Raumkonzepte, Akustikpaneele, bewegliche Raumtrenner, maßgeschneiderte Profile, personalisierte Verlegeunterlagen oder Lösungen zur Renovierung vorzustellen.
Wissenstransfer und Inspiration im Rahmenprogramm
Neben der Ausstellung bot die Messe auch ein umfangreiches Fach- und Rahmenprogramm. Auf der zentralen Konferenzbühne The Stage diskutierten Expertinnen und Experten aus Handwerk, Handel, Industrie und Planung zentrale Zukunftsthemen: Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft, Akustik, Künstliche Intelligenz im Handwerk sowie neue Anforderungen an Planung, Ausführung und Vermarktung. Praxisorientierte Formate wie der Innovationsparcours oder Präsentationen im Rahmen von The Work Shop zeigten konkrete Anwendungen, neue Werkstoffe und digitale Tools für Handwerk und Handel. Für Architektinnen und Planer richtete der Architects Space zusammen mit den täglichen Architect Runs den Blick auf neue Materialien, Systeme und Lösungen.
Auch Auszeichnungen setzten wieder Branchensignale: Neben der Verleihung des Green Collection Award für besonders nachhaltige Produktlösungen bot die Messe eine Bühne für den Parkett Star, mit dem Parkett Magazin - die Schwesterzeitschrift von BTH Heimtex - herausragende Konzepte, Ideen und Engagement im Parkett- und Bodenlegerhandwerk würdigt, sowie für den Netzwerk Boden-Award, mit dem das "Bodenprojekt des Jahres" ausgezeichnet wurde. Für einen Impuls der anderen Art sorgte der Vortrag von Boxweltmeister Henry Maske, der mit persönlichen Einblicken in sein Leben Prinzipien wie Disziplin, Durchhaltevermögen und Erfolgsstrategien aus dem Spitzensport auf die Arbeitswelt übertrug.
Hoffnung für die Zukunft
Auch wenn Zahlen ihre eigene Sprache sprechen und im Vorfeld viel Skepsis herrschte, war die Stimmung unter Ausstellern und Besuchern insgesamt von vorsichtigem Optimismus geprägt. Viele gingen mit niedrigen Erwartungen nach Hannover und zeigten sich im Nachgang positiv überrascht. Entscheidend dafür war weniger die Quantität als vielmehr die Qualität des Publikums. Die Domotex erwies sich als sehr international, die Gespräche als gezielter und inhaltlich dichter als in der Vergangenheit. Weniger Laufkundschaft, dafür mehr relevante Kontakte - so lautete das Fazit vieler Aussteller. Auch wenn eine Reihe wichtiger Unternehmen nicht mit einem eigenen Stand vertreten war, kamen doch zahlreiche zentrale Akteure und Entscheider der Branche zusammen.
Während die Veranstalter den Verlauf der Domotex folglich als "durchweg positiv" bewerten, scheint vorerst noch ein "besser als erwartet" die realistischere Einschäzung zu sein - ein Ergebnis aber, das in der aktuellen Marktsituation durchaus als Erfolg gelten kann.
| André Sperber
aus
BTH Heimtex 02/26
(Wirtschaft)