Interface Deutschland GmbH
"Pessimismus ist der falsche Ansatz – Interface nutzt die Veränderung aktiv"
Weniger Fläche, mehr Anspruch: Interface sieht im Strukturwandel des Objektmarkts keine Krise, sondern die Chance, mit Qualität, Gestaltung und glaubwürdiger Nachhaltigkeit zu wachsen. Ein Gespräch mit Anne Salditt und Alexander Friesen.BTH-Heimtex: Markteinbrüche, stagnierender Neubau, Insolvenzen - die Branche ist gebeutelt. Wie nehmen Sie die aktuelle Marktlage wahr?
Alexander Friesen: Die Lage ist herausfordernd, aber Pessimismus ist der falsche Ansatz. Vielmehr haben sich Strukturen und Arbeitsweisen verändert. Wir nutzen diese Veränderung aktiv und sehen auch Chancen darin. Für 2025 rechne ich trotz allem damit, unser Vorjahr leicht zu übertreffen.
Anne Salditt: Auch im Objektbereich ist der Neubau rückläufig und Flächen werden kleiner. Früher kamen Projekte fast von selbst, heute muss man sehr viel früher ins Gespräch gehen, intensiver bemustern, oder mit unserem Concept Design Service, mit dem wir Architekten und Planende unterstützen, punkten. In diesem Marktumfeld ein Wachstum zu erzielen ist nicht selbstverständlich.
BTH-Heimtex: Wie haben Sie Ihre Arbeitsweise angepasst?
Friesen: Grundlegend. Wir bearbeiten heute deutlich mehr Projekte parallel, dafür kleinere. Gleichzeitig pflegen wir viel engere Beziehungen zu Bodenlegern - wir verstehen sie als echte Partner, nicht als reine Abnehmer. Diese Nähe ist entscheidend.
Salditt: Was uns trägt, sind gewachsene Strukturen und stabile Teams. Wir haben die Mannschaft durch die Pandemie gehalten und kontinuierlich in Service, Qualität und Produkte investiert. In herausfordernden Phasen zahlt sich das aus.
BTH-Heimtex: Nach Corona kehren wieder viele aus dem Homeoffice ins Büro zurück. Macht sich das für Sie als Objektausstatter auf Projektebene bemerkbar?
Salditt: Digitale Beziehungen funktionieren, ersetzen aber persönliche Interaktion nicht. Kultur entsteht durch Begegnung. Das haben wir früh erkannt. Deshalb haben wir unsere Ressourcen in dieser Zeit nicht zurückgefahren, sondern bewusst aufrechterhalten. Das zahlt sich jetzt aus. Die Flächen werden kleiner, ja. Aber gleichzeitig deutlich hochwertiger. Die Projekte sind kompakter, aber gestalterisch anspruchsvoller. Für uns ist das eine sehr positive Entwicklung.
Friesen: Das Büro steht heute quasi in Konkurrenz zum Homeoffice. Viele große Unternehmen investieren deshalb massiv, um die Räumlichkeiten so angenehm wie möglich zu gestalten und die Menschen dadurch zurück ins Büro zu holen. Deshalb schaffen sie Anreize: kostenloses Mittagessen, modernisierte Räume, hochwertige Innenarchitektur. Und genau da kommen wir ins Spiel.
BTH-Heimtex: Es geht also mehr um Qualität als um Quantität?
Friesen: Ganz genau. Endkunden investieren heute mehr in einen hochwertigeren Ausbau und modernere Arbeitswelten. Das Tagesgeschäft ist stark gewachsen. Und oft starten wir mit 200 m
2, aber wenn die Fläche gut ankommt, wird daraus später das ganze Gebäude. Qualität spricht sich herum.
Salditt: Dazu passt: Der Anteil an Renovierungen steigt gegenüber dem Neubau weiter.
BTH-Heimtex: Welche Segmente sind für Interface im Objektmarkt derzeit am wichtigsten - und wo sehen Sie besonderes Potenzial?
Salditt: Nach wie vor ist der Office-Markt unser stärkstes Segment. Sehr spannend ist für uns aber auch die Hotellerie. Da wird weiterhin investiert, und das Segment wächst attraktiv für uns. Außerdem schnuppern wir zunehmend in den Bereich öffentlicher Bau hinein. Hier wollen wir uns stärker entwickeln und neue Möglichkeiten erschließen. Prozesse, Vergabestrukturen und Entscheidungswege sind allerdings ganz anders als im privaten Sektor. Aber genau das macht es interessant, weil wir uns mit unserer globalen Erfahrung gut positionieren können. Ergänzend kommt natürlich unser Nora Kautschukboden ins Spiel, der in vielen weiteren Segmenten eine Rolle spielt und aus Weinheim vertrieben wird.
BTH-Heimtex: Beobachten Sie in einzelnen Segmenten klare Präferenzen - etwa Teppichfliese versus Hartbelag?
Friesen: Eigentlich nicht. Entscheidend ist für viele Kunden heute die Kombination. Und ein wichtiger Punkt ist das Thema Loose Lay, also Böden, die nicht verklebt werden müssen. Wenn wir zeigen, dass unsere textilen Beläge sehr gute Akustikwerte haben, ohne Übergangsschienen auskommen und sich so sauber mit LVT oder anderen Hartbelägen kombinieren lassen, dann wird das für Hotellerie, Büros oder öffentliche Bereiche sehr attraktiv.
Salditt: Am Ende bestimmt der Zweck des Raums den Boden. Wirkliche Trends lassen sich eher in der gestalterischen Entwicklung beobachten: Räume werden wohnlicher, Materialien werden stärker gemischt und der Boden wird Teil des Gesamtkonzepts bei der Raumgestaltung.
BTH-Heimtex: Das heißt, das Objekt wird generell wohnlicher?
Salditt: Absolut. Büroräume sollen durch ihre Gestaltung Wohlbefinden schaffen, Kreativität fördern - das wirkt sich unmittelbar auf Kommunikation und Zusammenarbeit aus.
Friesen: Das ist auch im Vertrieb spürbar: Wer heute Teppichfliesen verkaufen will, muss viel mehr bieten als nur Material; man muss Begeisterung, Wirkung, Erlebnis vermitteln. Früher zählte in erster Linie Funktionalität. Natürlich sind technische Parameter wie Akustik nach wie vor wichtig.
BTH-Heimtex: Wie stark prägen solche Gestaltungstrends die Produktphilosophie von Interface?
Salditt: Gestaltung war bei Interface immer zentral. Schon früh haben wir Designs entwickelt, die ihrer Zeit voraus waren - etwa unsere Kollektionen mit Übergangsfliesen von 2012, die einen biophilen Farbverlauf boten. Solche Innovationen waren zunächst Nischenprodukte, wurden aber zu Klassikern. Natürlich passen wir Farb- und Designstimmungen an aktuelle Trends an, doch die Grundhaltung, Neues zu wagen, bleibt.
Friesen: Unser globales Designteam sorgt dafür, dass Produkte weltweit funktionieren - trotz unterschiedlicher Marktanforderungen. Vorreiterprojekte wie CO-negative Büros oder komplette Schulen mit Textilboden zeigen, wie Trends neue Segmente öffnen.
BTH-Heimtex: Spiegelt sich der Hang zur Gestaltung auch in der erweiterten Teppichfliesenkollektion Woven Gradience wieder?
Friesen: Auf jeden Fall. Viele Kunden wünschen sich heute neutrale, warme Töne - Beige, Brauntöne, gedämpfte Nuancen. Also haben wir das Portfolio erweitert und zusätzliche Übergänge geschaffen. Die Farbverläufe lassen sich weicher gestalten in endlosen Varianten, etwa von Gelb nach Beige oder von Beige nach Grau usw. Dieses Soft-Blending sieht man im Wohnbereich schon länger, und es überträgt sich jetzt ins Büro. Fließende Übergänge, wohnliche Anmutung: Das wird stark nachgefragt.
Salditt: Und die gesamte Kollektion ist zudem als CO-negative Option erhältlich: Der Anteil recycelter und biobasierter Materialien liegt bei Woven Gradience aktuell bei rund 94 %, wenn man das Produkt mit dem optionalen, weiter optimierten Rücken ausstattet, erreicht man Werte von etwa -0,25 kg CO pro Quadratmeter.
Friesen: Auch ein schönes Beispiel dafür, wie Nachhaltigkeit ins Produktdesign selbst "eingewoben" wird, ist unsere richtungsfreie Verlegung der Fliesen: Bei Bahnenware liegt man oft bei 10 bis 12 % Verschnitt. Bei modularen Fliesen sind es 3 bis 4 %. Und bei richtungsfreien Qualitäten sogar nur rund 1 %. Wenn man ein Projekt mit 40.000 m
2 betrachtet, wird sofort klar, welche Dimensionen das hat, auch ökologisch.
BTH-Heimtex: Interface gilt seit den 1990er-Jahren als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Frustriert es manchmal, dass dieser einstige USP plötzlich zur Mode geworden ist?
Salditt: Grundsätzlich ist es positiv, dass die gesamte Industrie in diese Richtung geht. Je mehr Unternehmen Verantwortung übernehmen, desto besser für alle. Es wird dann schwierig, wenn einzelne Merkmale oder Bestrebungen hervorgehoben werden und daraus ein "nachhaltiges Gesamtprodukt" gemacht wird. Nachhaltigkeit ist ganzheitlich. Sie betrifft alle Phasen des Produktlebenszyklus. Wenn Diskussionen auf ein Detail reduziert werden, wird es anstrengend, weil das Gesamtbild verloren geht.
Friesen: Mich ärgern leere Versprechen. Unsere Kunden merken zum Glück schnell, wer wirklich fundiert arbeitet und wer nur Buzzwords einsetzt.
BTH-Heimtex: Aber ist Nachhaltigkeit überhaupt noch ein Differenzierungsmerkmal für Kunden?
Salditt: Viele Aspekte sind inzwischen Hygienefaktoren: Transparenz durch EPDs oder Angaben zum CO-Fußabdruck werden vom Markt erwartet. Gleichzeitig bleiben Innovationen entscheidend. Unsere CO-negativen Produkte mit der Rückenkonstruktion C Quest Bio X etwa überraschen Kunden und führen zu konkreten Gesprächen. Glaubwürdigkeit zählt: Nachhaltigkeit funktioniert nur, wenn man das gesamte Portfolio, Produktion und die vor- und nachgelagerte Lieferkette konsequent einbezieht. Die Industrie muss vorangehen, wenn die Politik zu langsam ist. Kunden verlangen Belege, Zertifizierungen und Transparenz. Authentisches, dauerhaftes Handeln ist entscheidend.
Friesen: Nachhaltigkeit ist heute wichtiger denn je. Auch wenn sie medial zeitweise weniger präsent ist, setzen viele Unternehmen klare Standards - früher übliche Materialien sind heute oft nicht mehr akzeptabel. Im Objektbereich spielt das Thema nach wie vor eine große Rolle.
BTH-Heimtex: Wie steht es diesbezüglich bei LVT?
Salditt: Wir kommen traditionell aus dem Teppichsegment, da sind wir verankert. Mit LVT sind wir hier erst seit einigen Jahren aktiv. Aktuell, etwa bei unserer neuen Kollektion In The Mix, liegen wir bei rund 39 % Recyclinganteil, bei 6,8 kg CO
2 pro Quadratmeter. Da tut sich also einiges und wir wollen auch hier weiter optimieren. Die Richtung stimmt und das Ziel ist klar gesetzt: Interface will bis 2040 vollständige CO-Negativität (Cradle-to-Gate) erreichen.
BTH-Heimtex: In The Mix zeigt ein Terrazzo-Dekor. Woher kam diese Idee?
Friesen: Terrazzo ist tatsächlich ein Klassiker, der regelmäßig zurückkommt. Der Look erlaubt ruhige Flächen und lässt sich gut mit Textilbelägen kombinieren. Für viele Projekte, vor allem in Verwaltungs- und öffentlichen Gebäuden, entsteht so eine interessante Alternative zu den etablierten Holzoptiken.
BTH-Heimtex: Sie haben gerade zwei Kollektionen gelauncht. Was hat Interface als nächstes geplant?
Salditt: Wir werden auch in diesem Jahr wieder neue Designs im Teppichbereich vorstellen und Kollektionen zeigen, in denen verschiedene Produkte harmonisch zusammenwirken. Dazu kommen spannende Neuheiten über alle Produktkategorien hinweg - auch ein innovativer Kautschukboden von Nora. Themen wie neutrale Farben und biophiles Design begleiten uns weiterhin. Die ersten Produktlaunches starten bereits Ende Februar.
BTH-Heimtex: Und was meinen Sie, wird die Branche insgesamt 2026 bewegen?
Friesen: Wenn ich das wüsste, wäre der Plan schon fertig (lacht). Wir hoffen, dass sich keine Negativspirale entwickelt. Offenheit und Optimismus bleiben entscheidend, gerade bei den aktuell herausfordernden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Aber Teppichboden wird weiter stark nachgefragt, das Potenzial ist da.
Salditt: Es hängt viel von unserer Haltung ab. Wir wissen, dass gute Produkte kommen, Nachhaltigkeit weiter wichtig bleibt und wir ein starkes Team haben. Wir müssen versuchen, alle Chancen zu nutzen - wir krempeln die Ärmel hoch und packen es an.
Die Fragen stellte André Sperber.Daten + Fakten Interface
Interface Deutschland GmbH
Mies van der Rohe Campus
Girmesgath 5
47803 Krefeld
Tel.: 02151/37 18-0
info-de@interface.com
www.interface.com
Geschäftsführung:
-Nils Rödenbeck
-Danielle Stephanie Verschuur
Marketing EMEA:
Anne Salditt
Vertrieb D/A/CH:
Alexander Friesen
Gründungsjahr: 1973
Markennamen: Interface
Muttergesellschaft: Interface, Inc.
Produkte:
Teppichfliesen,
Designbeläge
aus
BTH Heimtex 02/26
(Wirtschaft)