"Anti-Kartell-Matratze"
StiWa-Schnelltest wirft viele Fragen auf
Berlin. Kampfansage an die Markenhersteller oder Werbung für einen Onlinehändler? Die Bettenbranche diskutiert über einen Schnelltest, den die Stiftung Warentest (StiWa) auf ihrem Online-Portal veröffentlicht hat. Die Matratze mit dem Namen "Bodyguard" kam dabei erstaunlich gut weg.
Vertrieben wird sie über die Hamburger Online-Plattform bett1.de von Betreiber Adam Szpyt. Seine so genannte "Anti-Kartell-Matratze" war zunächst bis Ende Mai "zum Einführungspreis von 199 Euro zu haben und schneidet im Schnelltest besser ab als alle anderen bisher getesteten Matratzen", urteilte die StiWa. Und: "Die Anti-Kartell-Matratze ist nicht nur deutlich preiswerter als Markenmatratzen im Produktfinder Matratzen, sie ist auch besser. Alle Körpertypen schlafen auf ihr erholsam."
Eine Matratze, die alles kann und für jeden passt - zum Preis von 199 Euro? Da sind Zweifel angebracht. Der Wuppertaler Bettenfachhändler Bjoern Steinbrink bringt die Skespis vieler Branchenvertreter in seinem Blog auf den Punkt: "Derartig beschönigende Aussagen, die eine Matratze als Universal-Lösung darstellen, kennen wir bisher nur aus Werbebotschaften von Matratzenherstellern, die ihre eigene Matratze als die beste Matratze verkaufen wollen", schreibt Steinbrink in Richtung StiWa. "Es gibt nicht die eine Matratze, die für jeden perfekt ist. Eine Matratze kann, egal, was sie gekostet hat und wie sie gebaut ist, nicht für jeden passen. Das gilt für alle Matratzen-Marken - egal welche."
Doch die StiWa-Tester halten dagegen: "Auf der Matratze aus Polyurethanschaum liegen alle Körpertypen gut: große, schwere Menschen genauso wie kleine, leichte. Rückenschläfer genauso wie Seitenschläfer. Die Matratze stützt alle gut ab", so die Tester. Daran ändere sich auch mit den Jahren wenig, behauptet die StiWa: "Im Labor simulierte eine 150-Kilo-Walze das Hin- und Herwälzen über acht bis zehn Jahre. Ergebnis: Die Schlafunterlage verliert kaum Höhe und bleibt lange in Form", heißt es im Testbericht. Doch die Zweifel bleiben.
"Warum wird überhaupt ein Kurztest von einer Einzel-Matratze gemacht", fragt Bettenhändler Steinbrink. "Wer bezahlt diese Untersuchung?", möchte er wissen, und: "Wer außer dem Hersteller hat etwas von so einem Werbebeitrag?" Die Haustex-Redaktion hat der Stiftung eine Reihe solcher Fragen gestellt, die Antworten finden sich im Kasten auf dieser Seite.
Die Stiftung bezeichnete auf ihrer Website das Angebot von bett1.de als "eine Kampfansage an die Markenhersteller." Diese stünden im Verdacht, die Preise von Matratzen "durch Druck auf die Händler künstlich hochzuhalten." Wegen vertikaler Preisabsprachen musste beispielsweise der Recticel-Konzern 8,2 Mio. Euro Strafe zahlen, Metzeler 3,38 Mio. Euro. Weitere Verfahren sind noch anhängig. Auslöser der Kartell-Prozesse: Adam Szpyt, der laut einem Bericht des Berliner Tagesspiegels mittlerweile mit dem Begriff der "Anti-Kartell-Matratze" nicht mehr werben darf, nachdem Schlaraffia dagegen eine einstweilige Verfügung vor dem Landgericht Hamburg erwirkt hatte.
Umstrittener Schnelltest: Zehn Fragen an die Stiftung Warentest
Was ist unter einem Schnelltest zu verstehen?
Seit vielen Jahren beobachtet die Stiftung die Angebote u.a. von Lebensmitteldiscountern und unterzieht diese Aktionswaren stichprobenartig einer Prüfung. Diese Angebote, etwa Computer, Staubsauger oder Matratzen, werden in einem Schnelltest geprüft und die Ergebnisse noch in der Woche des Einkaufs im Internet veröffentlicht.
Was unterscheidet einen Schnelltest von einem Standard-Test mehrerer Matratzen?
Die Stiftung Warentest untersucht Matratzen regelmäßig (Continuous Test). Die Untersuchungsergebnisse werden in einer Datenbank gesammelt, aufbereitet und unseren Lesern im Produktfinder Matratzen online zur Verfügung gestellt. Der Prüfumfang von Matratzen aus Aktionsangeboten im Rahmen von Schnelltests unterscheidet sich im Vergleich zu üblichen Standard-Tests von bestimmten Matratzensegmenten überhaupt nicht. Hintergrund dieser Entscheidung war, die Ergebnisse dieser Untersuchungen in den Produktfinder Matratzen aufzunehmen. Viele der Aktionsmatratzen werden mehrmals im Jahr z. B. von einem Lebensmitteldiscounter angeboten.
Welche Kriterien wurden getestet? Welche Kriterien wurden gegebenenfalls im Vergleich zu einem Standard-Test nicht getestet?
Die Stiftung Warentest bewertet alle Matratzen (Standard-Segmente, Matratzen aus Aktionen) in sieben Kategorien: Liegeeigenschaften, Schlafklima, Haltbarkeit, Bezug, Gesundheit und Umwelt, Handhabung sowie Deklaration und Werbung.
Welchen zeitlichen Aufwand erfordert ein Schnelltest sowie ein Standard-Test?
Der Schnelltest dauert bei Rollmatratzen 3 bis 4 Tage (1 Tag lüften, Probandentest, dann Dauerwalztest und für die letzte Messung, 1 Tag Matratze erholen lassen und dann nochmals Probandentest). Nach Veröffentlichung des Schnelltest läuft die Emissionsmessung weiter, deswegen vergeben wir zunächst kein Qualitätsurteil. Wenn die Folienmessung und die 24-Stunden-Emissionsmessung ohne Befund sind, ändert sich in der Regel nichts mehr am Gesamturteil. Standardtests benötigen den gleichen Zeitrahmen.
Welche Aussagekraft hat ein Schnelltest gegenüber einem Standard-Test?
Im speziellen Fall gibt es keine Unterschiede.
Welche Berechtigung hat ein Schnelltest gegenüber einem Standard-Test?
Der Vorteil eines Schnelltests liegt darin, dass wir unseren Lesern bei zeitlich begrenzten Verkaufsaktionen schnelle Informationen zur Qualität dieser Matratze liefern können. Die Abrufe unserer Schnelltests belegen: Das Informationsbedürfnis ist bei den Nutzern enorm groß.
Wie wurden die Testkriterien des Bodyguard-Testes benotet?
Die Bodyguard-Matratze ist in den einzelnen Testkriterien genauso bewertet worden wie die Prüfmuster bei anderen Untersuchungen von Matratzen. Die konkreten Bewertungen können Sie unter test.de entnehmen.
Auf welcher konkreten Grundlage kommt die Stiftung zu der Aussage: "Die Anti-Kartell-Matratze ist nicht nur deutlich preiswerter als Markenmatratzen im Produktfinder Matratzen, sie ist auch besser."?
Die für den Produktfinder bisher getesteten Matratzen von Markenherstellern kosten ab 250 Euro aufwärts. Billiger sind nur Matratzen vom Discounter oder Ikea. Die Bodyguard-Matratze ist 0,4 Noten besser als die zweitbeste Matratze des Produktfinders (eine Latexmatratze) und 0,5 Noten besser als die beste Kaltschaummatratze im Produktfinder.
Wer hat den Schnelltest veranlasst: StiWa, Bett1 oder ein Dritter?
Wie bei allen unseren Untersuchungen erfolgt die Auswahl eines Produktes für einen Schnelltest ausschließlich durch die Stiftung Warentest. Generell lehnen wir Auftragsarbeiten für externe Auftraggeber ab.
Was hat Sie zu dem Test veranlasst?
Wir überprüfen permanent die Angebote aller Vertriebskanäle für Matratzen. Bett1.de hatte die Matratze so beworben, dass sie für alle gängigen Körperbautypen (ähnlich unserer Auswahlkriterien) gleich gut sei. Die Stiftung war daran interessiert, ob man diese Aussagen auch mit einer Schaumstoffmatratze für 199 Euro umsetzen kann.
aus
Haustex 07/15
(Matratzen, Betten, Wasserbetten)