Sonnenschutz wird Teil des Smart Home
In Montage und Nutzung sind motorisierter und automatisierter Sonnenschutz so einfach zu handhaben wie nie zuvor. Und auch wenn deutsche Verbraucher bislang noch zögerlich sind, geht die Tendenz nach oben. Wir geben einen Überblick.Der Markt für Smart-Home-Anwendungen wächst - laut Bitkom-Studie "Smart Home 2023" nutzen bereits 45 % der deutschen Haushalte smarte Technologien. Doch während smarte Thermostate und Lichtsysteme längst zum Standard gehören, hinkt der Sonnenschutz vielfach noch hinterher. Der europäische Vergleich zeigt: Bei der Motorisierung von Anlagen für den außenliegenden Sonnenschutz gibt es teils deutliche Unterschiede. In Frankreich etwa liegt die Motorisierungsquote bei rund 50 %, in Skandinavien sogar noch höher. Deutschland hingegen rangiert mit 25 bis 30 % im unteren Mittelfeld. Das geht aus einer gemeinsamen Analyse von Somfy Deutschland und dem Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) aus dem Jahr 2023 hervor.
Die Zahlen beziehen sich primär auf den außenliegenden Sonnenschutz. Für den innenliegenden Sonnenschutz existieren bislang nur wenige belastbare Marktdaten; hier dürfte die Motorisierungsquote nach Branchenschätzungen sogar noch deutlich niedriger liegen - vermutlich unter 10 %. Die Gründe für den Rückstand sind vielfältig: von tradierten Nutzungsgewohnheiten über fehlende Informationen, zögerliche Investitionsbereitschaft bei Bestandsbauten bis hin zu der hohen Installationshürde, da bis vor kurzem für die Montage von Motorisierungssystemen ein Elektriker gebraucht wurde.
Dabei machen heute neue Plug-and-Play-Systeme, Solarantriebe und akkubetriebene Motoren den Einstieg in die smarte Beschattung so einfach wie nie. Weder müssen Wände aufgestemmt noch Leitungen verlegt werden. Gleichzeitig hat die Integration in Smart-Home-Systeme wie Apple Homekit, Google Home, Amazon Alexa, Bosch Smart Home oder Homematic IP Fortschritte gemacht - nicht zuletzt dank des neuen Standards Matter, der für plattformübergreifende Kompatibilität sorgt. Die Steuerung erfolgt lokal und datenschutzfreundlich - ganz ohne Cloud-Zwang. Systeme wie Eve Motionblinds von Coulisse lassen sich per App, Sprache oder Smart-Home-Zentrale bedienen.
Innen- und außenliegender Sonnenschutz stellen allerdings ganz unterschiedliche Anforderungen an Motorisierung und Steuerung. Während außenliegende Systeme vor allem wind- und wetterfest, kraftvoll und langlebig sein müssen, zählen im Innenbereich eher leiser Lauf, dezente Integration und einfache Nachrüstbarkeit. Entsprechend unterscheiden sich auch die Antriebslösungen von kabelgebundenen Hochleistungsmotoren über funkbasierte Retrofit-Systeme bis hin zu solaren Antrieben für den Wohnbereich.
| Michaela FischerGlossar Smart Home
Bridge/Hub
Die zentrale Steuerbox für smarte Geräte. Sie verbindet z.B. Zigbee-Geräte mit WLAN oder App. Bei Thread/Matter ist sie oft nicht mehr nötig, weil die Geräte direkt miteinander kommunizieren.
Matter
Der offene Standard für Smart Home verbindet Geräte herstellerübergreifend.
OTA-Upd
Das Over-the-Air Update aktualisiert Geräte per Funksoftware. Es ist wichtig für Sicherheit und Matter-Kompatibilität. Nicht alle Geräte sind updatefähig.
Thread
Das Funkprotokoll für Smart Home bildet ein Mesh-Netzwerk, in dem Geräte miteinander kommunizieren. Es ist schneller, stabiler und effizienter als WLAN oder Bluetooth.
Z-Wave
Der Funkstandard ist Mesh-fähig und wir oft im Bereich Sicherheit und Energie verwendet. Allerdings wird er zunehmend von Matter und Thread verdrängt.
Zigbee
Ein weiterer Funkstandard, der noch von vielen bekannten Geräten genutzt, aber zukünftig von Matter ersetzt werden wird.
Motorisierungssysteme im Sonnenschutz
Motorisierung klingt nach Hightech, ist aber inzwischen fast so simpel wie die Installation eines Smartphones. Ob Raffstore, Rollladen, Markise oder innenliegender Sicht- und Blendschutz: Für nahezu jedes Produkt gibt es heute passende Antriebslösungen. Die Systeme sind zwischenzeitlich deutlich anwenderfreundlicher geworden - für den Fachhandel wie für Endkunden.
Die meisten Hersteller liefern ihre Systeme vormontiert oder mit einfach verständlichen Anleitungen, oft unterstützt durch Apps oder Einstellhilfen. Viele Motoren sind heute bereits werkseitig voreingestellt, was die Inbetriebnahme unkompliziert macht. Es ist wie beim E-Bike: Das Grundprinzip Fahrrad bleibt gleich, nur übernimmt ein Motor die Kraftarbeit. Für den Nutzer innenliegenden Sonnenschutzes heißt das: mehr Komfort, höhere Präzision und neue Funktionen wie Zeit- oder Wettersensorsteuerung. Und für den Fachhändler? Keine aufwendige Technik, sondern ein Zusatzmodul mit hohem Mehrwert.
Aber Motorisierung bedeutet nicht automatisch auch Smart Home. Wer will, kann die Systeme auch ganz klassisch per Funkhandsender oder Wandschalter steuern. Erst in einem zweiten Schritt lässt sich das Ganze per App oder Sprachsteuerung einbinden. Der Einstieg bleibt also bewusst niedrigschwellig.
Und Motorisierung ist nicht nur ein Komfortthema, sie bringt noch weitere Vorteile wie Energieeffizienz (z. B. durch automatische Beschattung), Barrierefreiheit, Wertsteigerung der Immobilie und Nachhaltigkeit durch längere Lebensdauer. Für den Fachhandel bietet das Thema die Chance, sich zukunftssicher aufzustellen, Kunden neue Services zu bieten und damit den Umsatz zu steigern.
Die wichtigsten Motorisierungstechniken beim Sonnenschutz sind:
Für innenliegenden Sonnenschutz
Akkumotoren
Kompakte Akkumotoren sind geeignet für Rollos, Jalousien und Plissee. Integrierte Akkus werden per USB aufgeladen, die Steuerung erfolgt per App oder Fernbedienung. Beispiele hierfür sind Eve Motionblinds, Coulisse/Motionblinds, Luxaflex Powerview.
Vorteile: einfache Nachrüstung, kein Stromanschluss nötig, kabellos.
Grenzen: begrenzte Laufzeit pro Akkuladung, Akkutausch nach Jahren.
Kabelgebundene Antriebe
Für größere Vorhänge oder schwere Anlagen kommen leitungsgebundene Systeme zum Einsatz, z. B. bei automatisierten Vorhangschienen.
Vorteile: kraftvoll, zuverlässig.
Grenzen: aufwändiger Einbau, meist nur im Neubau oder mit Vorplanung realisierbar.
Für außenliegenden Sonnenschutz
Funkmotoren
Funkmotoren haben sich zum Quasi-Standard im Wohnbau entwickelt. Hersteller wie Somfy, Elero, Becker oder Rademacher bieten Systeme, die sich per Handsender, App oder Sensor ansteuern lassen. Sie sind besonders beliebt bei der Nachrüstung, da die Installation meist ohne Eingriff in die Bausubstanz gelingt.
Vorteile: einfache Installation, hohe Nutzerfreundlichkeit, gute Kompatibilität mit Sensorik.
Grenzen: begrenzte Funkreichweite, potenzielle Störanfälligkeit in stark abgeschirmten Gebäuden.
Kabelgebundene Systeme (für Profis und Großprojekte)
Wer neu baut oder ein Smart Building plant, setzt oft auf drahtgebundene Lösungen wie KNX oder Loxone. Die Motoren werden über Leitungen mit der Steuerzentrale verbunden. Das bringt Stabilität und maximale Systemintegration, etwa in Kombination mit Licht-, Heizungs- oder Alarmtechnik.
Vorteile: ausfallsicher, skalierbar, geeignet für komplexe Gebäudeautomation.
Grenzen: hohe Planungs- und Installationskosten, weniger flexibel bei nachträglichen Änderungen.
Solar- und Akkumotoren
Funkmotoren mit integriertem Akku und Solarpanel sind eine besonders einfache Nachrüstlösung. Sie eignen sich dort, wo keine großen Investitionen getätigt werden sollen, beispielsweise in Mietobjekten, oder keine Kabel gezogen werden dürfen, etwa an denkmalgeschützten Fassaden. Anbieter wie Somfy, Coulisse oder Hunter Douglas bieten solche Systeme inzwischen in breiter Palette.
Vorteile: keine Stromzufuhr nötig, schnelle Montage, umweltfreundlich.
Grenzen: wetterabhängige Energieversorgung, begrenzte Kraft bei großen Anlagen.
Hybridsysteme
Wer verschiedene Antriebstechniken kombinieren und gleichzeitig das ganze Zuhause smart vernetzen möchte, greift zu hybriden Smart-Home-Systemen. Plattformen wie Somfy Tahoma oder Homematic IP integrieren Funk-, Kabel- und Akkulösungen in eine gemeinsame Steuerungsumgebung.
Vorteile: große Flexibilität, App- und Sprachsteuerung, gewerkübergreifende Integration.
Grenzen: teilweise cloudbasiert, Abhängigkeit vom Systemanbieter, Datenschutz beachten.
Wir danken Gordon Bucksch, Leiter Produktentwicklung bei Kadeco, für die fachliche Unterstützung.
aus
BTH Heimtex 09/25
(Deko, Gardinen, Sonnenschutz)