Zwischen Leidenschaft und Lehrplan

Das Ausbildungsjahr hat begonnen. Aber es fehlt nicht nur an jungen Menschen, die sich für das Raumausstatterhandwerk interessieren, sondern zunehmend auch an Betrieben, die überhaupt noch ausbilden. Wir wollten wissen, wie unsere Leserinnen und Leser mit dem Thema Ausbildung umgehen, welche Erfahrungen sie machen und was sich ändern müsste, um den Beruf attraktiver zu machen?
Zwischen Leidenschaft und Lehrplan
Foto/Grafik: Schmidt – Ihr Raumausstatter
"Um den Nachwuchs zu gewinnen,
muss das Handwerk mit der Zeit gehen"

"Wir bilden aus und das mit großer Leidenschaft. Dieses Jahr haben drei Auszubildende zum Raumausstatter, ein E-Commerce-Kaufmann und eine Mediengestalterin ihre Ausbildung begonnen. Als größter Raumausstatter Sachsens bilden wir auch Bodenleger, Kaufleute im Einzelhandel, Handelsfachwirte und andere Berufe aus. Unsere Motivation ist es, unser Wissen und unsere Liebe vor allem zum anspruchsvollen Handwerk an die nächste Generation weiterzugeben. Gleichzeitig sichern wir uns damit unseren eigenen Bedarf an qualifizierten Fachkräften.

Bei unseren Auszubildenden legen wir besonderen Wert auf Problemlösekompetenz, Selbstständigkeit, Durchhaltevermögen und Sozialkompetenz. Leider sehen wir gerade in diesen Bereichen die größten Defizite, was sicherlich auch eine Folge der Pandemie-Jahre ist. Hier sollten wir als Ausbildungsbetriebe stärker ansetzen und die jungen Menschen gezielt fördern.

Um die junge Generation wieder mehr für unsere Berufe zu begeistern, ist es wichtig, mit der Zeit zu gehen. Die Digitalisierung und der Einsatz von KI im Handwerk sind hier zukunftsweisend. Eine moderne und ansprechende Social-Media-Präsenz ist unerlässlich, um die Vielseitigkeit und Attraktivität unserer Berufe zu zeigen.

Spannend sind auch internationale Erfahrungen, etwa über Erasmus-Programme. Eine unserer Auszubildenden war in Frankreich und hat dort eine traditionelle Polsterwerkstatt kennengelernt. Solche Erfahrungen erweitern den Horizont und zeigen, dass Ausbildung mehr ist als reines Fachwissen. Der Beruf des Raumausstatters ist ohnehin besonders vielseitig – er vereint gleich fünf Berufe in einem. Das ermöglicht jungen Menschen, flexibel zu bleiben und vielfältige Optionen zu haben, was für die heutige Generation von Bedeutung ist.

Holger Schmidt, Geschäftsführer Schmidt – Ihr Ausstatter
Zwischen Leidenschaft und Lehrplan
Foto/Grafik: U. Leibbrand
"Uns überzeugen Engagement
und Leidenschaft für das Handwerk"

"Wir bilden seit Jahrzehnten gerne und erfolgreich aus. Nachdem im Sommer 2025 vier Maler und Lackierer, zwei Raumausstatterinnen und ein Schreiner erfolgreich und zum Teil mit Auszeichnung als 1. Kammersieger ihre Gesellenprüfungen bestanden haben, bilden wir seit dem 1. September 2025 insgesamt 14 junge Menschen als Maler und Lackierer, Stuckateur, Ausbaumanager und Raumausstatter aus.

Die Noten in Deutsch und Mathe sollten nicht schlechter als 3 sein. Doch vor allem überzeugen uns Engagement und Leidenschaft für das Handwerk. Daher muss jeder potenzielle Auszubildende bei uns ein Praktikum absolvieren und sich beweisen. Selbstständiges Arbeiten, Mitdenken, Verlässlichkeit, Pünktlichkeit und die Fähigkeit, im Team zu arbeiten, sind uns besonders wichtig. Passt es vom sozialen Verhalten und handwerklichen Geschick und wenn unser Handwerksmeister überzeugt ist, dann bieten wir mit Freude eine Ausbildungsstelle an.

Wir machen die Erfahrung, dass sich viele Jugendliche unter dem Beruf des Raumausstatters eher die farbliche Konzeption als die handwerkliche Ausführung vorstellen. Im Maler- und Stuckateurbereich gibt es bereits viele Marketingmaßnahmen, um den Beruf und die Vielfalt zu zeigen. Das wäre für den Raumausstatterbereich ebenfalls wünschenswert.

Julia Hieber, U. Leibbrand
Zwischen Leidenschaft und Lehrplan
Foto/Grafik: Schönauer Raumausstattung
"Das Berufsbild ist für junge Männer unattraktiv"

"Wir haben im Moment den 15. Auszubildenden im Betrieb. Wichtig ist für uns, jemanden zu finden, der versteht, dass unser Handwerk Freude macht, weil man etwas erschafft.

Unser Problem liegt seit Jahren darin, dass wir keine männlichen Auszubildenden mehr finden. Das Berufsbild ist für junge Männer unattraktiv – oder vielleicht zu weiblich besetzt. Da wir keine Böden verlegen, haben wir kaum männliche Bewerber. In der Inneneinrichtung, speziell in der Polsterei, sehen sich junge Männer nicht. Das Image ist altmodisch. Zwar finden sich junge Frauen, doch oft können sie körperlich nicht alle Aufgaben übernehmen.

Ein großes Manko ist außerdem die Berufsschule. Der Lehrplan ist seit über 30 Jahren unverändert. Im ersten Lehrjahr sind die Schüler ein halbes Jahr in der Schule und lernen dort in sechs Monaten weniger als sie in einem Monat im Betrieb lernen würden. Der Lehrplan müsste dringend überarbeitet werden!

Erschwerend kommt der geringe Verdienst hinzu. Leider kann man einem Gesellen nur das bezahlen, was erwirtschaftet wird. Wenn man unsere Branche mit Bädern oder Küchen vergleicht, haben Polsterei und Vorhang es nicht geschafft, auf der Hip-Welle mitzuschwimmen. Es bräuchte eine coole, gemeinsame Kampagne – mit den Zeitschriften und den Herstellern im Boot. Außenauftritt und Zukunftsperspektive sind für junge Leute entscheidend. Dieses angestaubte Image müssen wir dringend auf Vordermann bringen und modernisieren."

Marianne Schönauer, Schönauer Raumausstattung
aus BTH Heimtex 11/25 (Handwerk)