Funktionale Beschichtungen lösen Probleme und schaffen Mehrwert

Funktionale Beschichtungen übernehmen zunehmend technische Aufgaben. Gleichzeitig steigen die Anforderungen, ausgelöst durch veränderte Kundenerwartungen.

Funktionale Farben sind Beschichtungen, die mehr leisten als nur dekorative Aufgaben erfüllen. Sie schützen Oberflächen, regulieren das Raumklima, nehmen Einfluss auf Temperatur, verhindern Verschmutzungen oder verbessern hygienische Eigenschaften. Die Funktionen beruhen auf physikalischen, chemischen oder mechanischen Wirkprinzipien, die gezielt über Bindemittel, Pigmente, Füllstoffe und Additive eingestellt werden. Zu den bekanntesten und wichtigsten technologischen Entwicklungen gehören Nanostrukturen zur Oberflächenoptimierung, bio-basierte Bindemittel für nachhaltige Rezepturen, der Verzicht auf Konservierungsmittel im Innenraum sowie Hybridpolymer-Systeme, die Beständigkeiten und Verarbeitung verbessern.

Selbstreinigende und
schmutzabweisende Farben

Selbstreinigende Fassadenfarben basieren auf zwei etablierten Wirkprinzipien. Hydrophobe Systeme mit sogenanntem Lotus-Effekt nutzen mikroskopisch raue Strukturen aus Silikonharzen und nanoskaligen Füllstoffen, auf denen Wasser abperlt und Schmutzpartikel mitnimmt. Photokatalytisch aktive Beschichtungen arbeiten dagegen mit Titandioxid, das durch UV-Licht organische Schmutzpartikel oxidativ zersetzt. Typische Einsatzfelder sind stark belastete Fassaden im urbanen Raum oder Objekte mit hohem Wartungsdruck wie Gewerbeimmobilien, Schulen und öffentliche Gebäude.

Reflektierende und
wärmeregulierende Beschichtungen

Wärmeregulierende Farben nutzen IR-reflektierende Pigmente, die sichtbare Strahlung absorbieren, Infrarotstrahlung jedoch zurückwerfen - die Oberfläche heizt sich deutlich weniger auf. Untersuchungen des Lawrence Berkeley National Laboratory zeigen, dass solche Beschichtungen je nach Untergrund Temperaturspitzen zwischen 10 und 15 °C verringern können. In der Praxis eignen sich diese Systeme für stark besonnte Fassaden, dunkle, intensive Farbtöne, Industriehallen oder Dachflächen, auf denen geringere Oberflächentemperaturen die Energieeffizienz verbessern und Materialspannungen reduzieren, die zu Schäden führen können.

Antimikrobielle und
hygienisch wirksame Farben

In hygienesensiblen Bereichen werden zunehmend Systeme ohne klassische Biozide eingesetzt, die dennoch Schimmel- oder Keimbefall vorbeugen. Silikatfarben wirken aufgrund ihres hohen pH-Werts natürlich fungistatisch, während kapillaraktive Putze Feuchtigkeit schnell abführen und dadurch mikrobielles Wachstum erschweren. Moderne Polymerbindemittel wiederum bieten glatte, wenig nährstoffreiche Oberflächen, an denen sich Mikroorganismen schlechter festsetzen. Für Einrichtungen wie Kitas, Pflegeheime, Hotels oder Krankenhäuser gewinnt dieser biozidfreie Ansatz an Bedeutung, da weniger deklarationspflichtige Inhaltsstoffe enthalten sind und er den Anforderungen an Wohngesundheit entspricht.

Feuchteregulierende und
schimmelvorbeugende Systeme

Feuchtepuffernde Beschichtungen arbeiten primär mechanisch: Ihre porösen Füllstoffe, etwa Kalk, Silikat oder Perlite, können kurzfristig Wasser aufnehmen und später wieder abgeben. Dadurch entsteht ein ausgeglichenes Raumklima, das Schimmelbildung vorbeugt und Kondensat reduziert. In der Altbausanierung oder in Räumen mit eingeschränkter Lüftung - innenliegende Bäder, Kellerzonen oder Wohnräume mit massiven Außenwänden - bieten solche Systeme eine bauphysikalisch funktionierende Lösung.

Beschreibbare Farben
und Magnetbeschichtungen

Beschreibbare Wandfarben basieren auf extrem glatten Polymerfilmen, meist Polyurethan- oder Epoxidharzen. Sie verhindern, dass Pigmente aus Markern in die Oberfläche eindringen. Damit beschichtete Wandflächen lassen sich nach dem Beschreiben einfach mit einem Mikrofasertuch oder Schwamm reinigen. Magnetische Beschichtungen enthalten eisenhaltige Füllstoffe (Magnetite). Auf ihnen lassen sich per Magnet Notizblätter, Pläne und kleine Gegenstände fixieren, ohne den Untergrund zu beschädigen. Ob beschreibbar oder magnetisch: Derartige Wandflächen bieten praktische Nutz- und Präsentationsflächen, die sich als Alternative für Whiteboards in Büros, Besprechungs- und Klassenräumen eignen.

Schreibeffekt als
unerwünschtes Oberflächenphänomen

Der sogenannte Schreibeffekt bezeichnet keine funktionale Eigenschaft, sondern ein Problem, das insbesondere bei matten, intensiv pigmentierten Innenwandfarben auftreten kann. Durch mechanische Beanspruchung, etwa Möbelabrieb oder das Reiben von Taschen oder Textilien, entstehen helle, glänzende oder weißliche Spuren. Ursache ist die geringe Bindemittelmenge in extrem matten Rezepturen: Pigmente stehen frei an der Oberfläche und werden durch Reibung umgelegt oder abgerieben. Hersteller reagieren mit optimierten Bindemittelsystemen, feineren Pigmentqualitäten und wischbeständigeren Mattrezepturen, um das Risiko sichtbar zu reduzieren.

Leitfähige, thermische und
akustisch wirksame Beschichtungen

Zu den weiteren Funktionskategorien zählen leitfähige Farben, die mit Kohlenstoffmodifikationen oder Graphit elektrostatische Aufladungen ableiten und damit für Elektronikräume, Prüflabore oder Serverumgebungen relevant sind. Thermodämmende Innenanstriche mit Hohlglaskugeln oder Aerogelpartikeln senken die Oberflächentemperatur von Wänden und reduzieren Taupunktprobleme. Akustikbeschichtungen wiederum nutzen poröse Mikrostrukturen, die Schallenergie absorbieren und den Nachhall in Büros oder Besprechungsräumen spürbar verringern. Alle drei Bereiche profitieren aktuell von materialtechnischen Weiterentwicklungen der Füllstoffe.

Nachhaltigkeit als Treiber

Nachhaltige Rohstoffe, emissionsfreie Formulierungen und ein hoher Anspruch an Wohngesundheit prägen nahezu alle Entwicklungen im Markt für Funktionsfarben. Mineralische Bindemittel, bio-basierte Polymerbindemittel, VOC-freie und konservierungsmittelfreie Innenfarben, recycelte Füllstoffe sowie energieoptimierte Produktionsprozesse gehören inzwischen zum Standard vieler Hersteller. Untersuchungen des Fraunhofer WKI prognostizieren, dass der Anteil bio-basierter Polymere in Beschichtungen bis 2030 weiter deutlich zunehmen wird - insbesondere im Innenraumsegment, wo Nachfrage und regulatorischer Druck am größten sind. Zunehmend wird auch die Kreislauffähigkeit der Produkte als Entwicklungsziel in den Blick genommen.

Funktionale Farben schließen heute Lücken, die früher durch aufwendige Konstruktionen oder zusätzliche Maßnahmen gelöst werden mussten - von selbstreinigenden Fassaden über hygienische Innenräume bis hin zu akustischen Verbesserungen. Für Handel und Handwerk eröffnen sie ein Marktsegment, das gleichermaßen von technischen Innovationen und steigenden Anforderungen an Nachhaltigkeit geprägt ist. Mit bio-basierten Bindemitteln, konservierungsmittelfreien Innenfarben und materialoptimierten Funktionszusätzen erweitert die Branche ihr Angebot kontinuierlich. Entscheidend für den Verkaufserfolg bleibt jedoch eine kompetente Beratung. Wer weiß, welches Wirkprinzip welchen Nutzen bringt, kann Kunden zur passenden Beschichtung führen.

| Matthias Heilig
Funktionale Beschichtungen lösen Probleme und schaffen Mehrwert
Foto/Grafik: Adobe Stock/industrieblick
Vor allem in Produktionshallen, wo empfindliche Anlagen und Geräte stehen, sind leitfähige Bodenbeschichtungen gefragt, die elektrostatische Aufladung ableiten.
Funktionale Beschichtungen lösen Probleme und schaffen Mehrwert
Foto/Grafik: Adobe Stock/New Africa
Die Wand als Präsentationsfläche: Beschreibbare und magnetische Wandbeschichtungen sind die Alternative zu Whiteboards.
Funktionale Beschichtungen lösen Probleme und schaffen Mehrwert
Foto/Grafik: Caparol Farben Lacke Bautenschutz/Martin Duckek
Beschichtungen, die den Infrarot-Anteil der Sonnenstrahlung reflektieren, können die Aufheizung von dunklen Fassaden verringern.
Funktionale Beschichtungen lösen Probleme und schaffen Mehrwert
Foto/Grafik: SN-Verlag
Funktionale Beschichtungen: Funktion - Wirkprinzip - typische Anwendung
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