Wilhelm Reitz GmbH - Vorbildlicher Generationswechsel 2026
Reitz Lebensräume, Bergisch Gladbach
Generationswechsel mit Anlauf
Auf 50 ㎡ hat die Firma Reitz Lebensräume 1975 angefangen. Fünf Jahrzehnte später residiert sie in einem 5.000 ㎡ großen Gebäude in Kürn bei Regensburg. Wie Jürgen und Susanne Bauer auf dieser Fläche ihre Waren und Dienstleistungen präsentieren, beeindruckt nicht nur Besucherinnen und Besucher, sondern auch die Jury, die dafür den Heimtex Star „Vorbildliche Ladengestaltung“ vergibt.
Wenn Lina Reitz gefragt wird, für welche Arbeiten der Raumausstattung sie brenne, schwärmt sie von der Polsterei: „Einen Sessel klassisch zu erhalten, da geht mir das Herz auf. Nach der klassischen Schnürung ein Afrik Fasson zu bauen und das durchzunähen, da vergisst man auch die Blessuren, die entstehen, wenn sich etwa der Wachsfaden in die Haut schneidet, während man Kraft für den Knoten aufwenden muss“. Jeder Sessel sei anders, jedes Gestell ein neues Abenteuer. Die Geschäftsführerin von Reitz Lebensräume liebt ihr Handwerk so sehr, dass sie sogar ein Sessel-Tattoo trägt.
Kaum zu glauben, dass Lina Reitz bei all der Leidenschaft zunächst einen anderen beruflichen Weg einschlug. Nach der Ausbildung zur Raumausstatterin macht sie an der Fachschule des Möbelhandels in Köln ihren Betriebswirt Fachrichtung Möbelhandel, ist einige Jahre bei einer Möbelfirma in der Schweiz tätig, bis sie das Heimweh zurück nach Köln bringt. Hier arbeitet sie für einen Objektausstatter, der hauptsächlich Büros einrichtet, verantwortet etwa die Architektenakquise, baut ein Netzwerk auf und kümmert sich um das Marketing.
Wenn schon, dann richtig
Die Wende kommt mit der Corona-Pandemie: Statt in Kurzarbeit zu gehen, kehrt die Tochter zurück in den elterlichen Betrieb in Bergisch Gladbach-Refrath und hilft dort Dagmar und Wilhelm Reitz, den Laden zu renovieren. Sie erkennt, wie sehr ihr das Handwerk gefehlt hat, wie schön es ist, abends das Ergebnis der Arbeit des Tages zu sehen. Sie trifft die Entscheidung, in den Familienbetrieb einzusteigen. Ein Probejahr soll klären, ob die Zusammenarbeit auch funktioniert. Drei Monate später kracht es einmal heftig – worum es ging, weiß heute niemand mehr. Nach einem halben Jahr steht aber fest: Es funktioniert. Lina Reitz ist endgültig zurück.
Halbe Sachen gibt es bei ihr nicht und sie beschließt deshalb, in Münster den Meister zu machen. Die Urkunde erhält sie an ihrem 31. Geburtstag im August 2022. Inzwischen ist sie die jüngste Obermeisterin der Innung für Raumausstatter Bergisches Land und Ansprechpartnerin für die Innungsbetriebe. Seit August 2024 leitet Lina Reitz als Geschäftsführerin den Familienbetrieb mit viel Leidenschaft und Engagement. Ihr Vater ist stiller Gesellschafter, bleibt aber als Minijobber aktiv und unterstützt bei Beratungen. Ihre Mutter bleibt als kreativer Part weiterhin in Vollzeit tätig.
Gegründet wurde die Firma Anfang 1990 von Willi Reitz. Der Maler- und Lackierermeister wollte Lebensräume gestalten – wohnlich, individuell, zeitlos. Gemeinsam mit seiner Frau Dagmar schuf er einen Betrieb, der bis heute familiär geführt wird. Dazu gehören gemeinsames Mittagessen und regelmäßige Kuchenrunden mit dem Team, offene Diskussionen und gelebte Streitkultur. Das Markenzeichen: die Streifen, die man auf T-Shirst im Laden und auf den Firmenfahrzeugen sofort erkennt.
Der Generationswechsel bei Reitz Lebensräume verlief strukturiert und erfolgreich. Und die langfristige Nachfolgeplanung ist ebenfalls schon jetzt ein Thema – nicht aus Not, sondern aus Weitblick. Eine positive Unternehmenskultur und Leidenschaft für den Beruf sieht Lina Reitz als Schlüssel für eine erfolgreiche Betriebsführung. Ausbildung und persönliche Haltung sind entscheidend, um qualifizierte Nachfolger zu sichern, insbesondere wenn keine familiären Optionen bestehen.
Polstern ist eine Leidenschaft von Lina Reitz. Sie bietet dazu auch Kurse an.
Reitz Lebensräume bildet aus und die meisten Beschäftigten bleiben über Jahrzehnte, was den guten Teamgeist bestätigt. Die Mitarbeiterbindung wird durch gezielte Feiern, das familiäre Miteinander, Weiterbildung und Gesundheitsangebote wie etwa einem wöchentlichen gemeinsamen Physiotraining gestärkt. Auf den Wissensaustausch wird ebenso viel Wert gelegt wir auf die persönliche Entwicklung, um die Fachkompetenz im Betrieb zu sichern. Politisches Engagement und Aufklärung im Team stärken zudem das Bewusstsein für gesellschaftliche Verantwortung. Lina Reitz etwa arbeitet im Ehrenamt für ein Programm namens Mentegra, welches qualifizierte Frauen mit Fluchtgeschichte beim (Wieder-)Einstieg in den Beruf begleitet und Unternehmen beim Finden motivierter Fachkräfte unterstützt.
Beratung – analog, digital, persönlich
Fachlich sehen die Geschäftsführerin und ihr Team den Raum immer als Ganzes. Leben und Wohnen sei auch immer ein Sammeln: Alte Möbel sollen und dürfen in der Planung mit integrierte werden, die Verbindung alter Erbstücke mit modernen Möbeln schafft nachhaltige und individuelle Raumkonzepte. Moodboards und Präsentationen erleichtern die Visualisierung. Handskizzen auf Ausdrucksfotos ergänzen die Beratung und helfen, komplexe Ideen greifbar zu machen. Digitale Tools werden mit Bedacht eingesetzt. Die Kombination aus analoger und digitaler Beratung steigert die Kundenzufriedenheit und erleichtert Kaufentscheidungen.
Müssen weitere Gewerke eingebunden werden, übernimmt das Team die Terminabsprachen und Projektkoordination. Ein Netzwerk aus Malern, Schreinerbetrieben, Elektrikern und weiteren Gewerken ermöglicht Komplettlösungen aus einer Hand. So kann Reitz Lebensräume dank der Synergien flexibel und zuverlässig agieren. Das zahlt sich aus und Lina Reitz erklärt: „Die Zufriedenheit der Kunden ist das größte Glücksgefühl und gibt Kraft für neue Projekte.“
Was hat Lina Reitz nach ihrer Geschäftsübernahme für Reitz Lebensräume verändert ? Wenig bis nichts ist die überraschende Antwort. In der Branche gehe man ständig mit der Zeit und entwickelt sich weiter und Reitz Lebensräume ging diesen Weg immer schon mit. Auch das Ladenlokal bleibt beweglich: Alle drei Monate wird umgeräumt, neu dekoriert, ein neues Schaufenster gestaltet – immer passend zu Trends, Jahreszeiten, aktuellen Themen.
Deutlicher sichtbar ist der Wandel in den sozialen Medien. Instagram ist hier der wichtigste Kanal des Unternehmens, ergänzt durch Pinterest und Facebook. Lina Reitz präsentiert dort das Handwerk in Reels – mit Untertiteln, Voice-over, Einblicken in die Werkstatt und zeigt so Produkte und Handwerk authentisch. Die Kooperation mit dem Kölner Influencer Don Linh, der als Friseurmeister lokal verankert ist und Interior-Content produziert, brachte zusätzliche Reichweite. Mit diesen innovativen Formaten erreicht das Unternehmen neue, jüngere Zielgruppen und stärkt die Marke.
Neben Textilien gehören auch Möbel und Wohnaccessoires zum Angebot.
Ein weiteres Instrument, um die Hemmschwellen gegenüber Raumausstattern zu senken, ist, die Werkstatt zu öffnen. Seit Sommer 2025 bietet Reitz Lebensräume Polster-Workshops an. In fünf bis sieben Stunden lernen Laien, einen Stuhlsitz selbst zu polstern. Die Nachfrage ist groß und das Ergebnis stärkt nicht nur die Wertschätzung für das Handwerk, sondern auch die Kundenbindung.
Nachhaltige Zukunftsvision
Reitz Lebensräume hat sein Angebot über das klassische Raumausstatterhandwerk hinaus zu einem ganzheitlichen Wohnkonzept ausgebaut, das Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellt. Das Sortiment umfasst Möbel, Textilien und Wohnaccessoires mit möglichst regionaler Produktion und langer Haltbarkeit. Es werden überwiegend Produkte aus Deutschland und dem näheren europäischen Umland verkauft, keine Massenware aus Fernost. Hersteller wie Haslev aus Dänemark und TON aus der Tschechischen Republik bieten Möbel mit bis zu zehn Jahren Garantie. Nachhaltigkeit wird nicht nur ökologisch, sondern auch sozial verstanden, etwa durch faire Produktionsbedingungen. Dies entspricht den Kundenwünschen nach langlebigen, hochwertigen Produkten und unterstreicht die strategische Ausrichtung.
Das Unternehmen selbst verfolgt aktiv nachhaltige Projekte und plant innovative Lösungen zur Abfallvermeidung und Ressourcenschonung. Stoffreste fallen regelmäßig an und bleiben bisher ungenutzt. Ein Projekt zur Wiederverwertung mit der TH Köln ist in Planung. Ziel ist es, gemeinsam mit Studierenden neue Produkte aus den textilen Resten zu entwickeln und so Abfall zu minimieren. Die Zusammenarbeit mit der Rheinisch-Bergische Wirtschaftsförderungsgesellschaft (RBW) unterstützt die Vernetzung und Umsetzung der Initiative. Ein in der eigenen Werkstatt gefertigtes Recyclingprodukt aus alten Kollektionsbüchern findet sich schon im Ladengeschäft wieder: Stoffbälle in zwei Größen, die als Türstopper oder als dekorativer Eyecatcher verwendet werden.

Vorbildlicher Generationswechsel des Jahres 2026