Olaf Rützel - Ehrenpreis Lebenswerk 2026
Olaf Rützel, Holzring
Ein Mann mit Haltung
Olaf Rützel ist Hanseat durch und durch – von Geburt an, er ist nämlich gebürtiger Bremer und auch in seinen Werten, seiner Mentalität, seinem Auftritt, privat wie beruflich. Integrität, Fairness, Authentizität auf der einen Seite und auf der anderen Weitsicht, Initiative, Tatkraft prägen seine Karriere. Wenn er im Juni 2026 nach 28 Jahren als Geschäftsführer des Holzring abtritt, hinterlässt er ein wohlbestelltes Haus. Unter seiner Ägide hat die Holzhandelskooperation enorm expandiert, weiter an Gewicht gewonnen und sich zugleich vorausblickend für die Zukunft aufgestellt.
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Olaf Rützel und seine Frau Ulla nicht schon in jungen Jahren Eltern geworden wären. Dann hätte der gebürtige Bremer, Jahrgang 1959, doch wie ursprünglich geplant sein Jura-Studium aufgenommen und wäre Jurist geworden. Mit Familie aber war die Frage „studieren oder Geld verdienen“ schnell beantwortet und Rützel lernte Groß- und Außenhandel beim größten deutschen Fruchtimporteur Scipio & Fischer.
Integer und authentisch
Statt nach dem Abschluss für das Unternehmen nach Griechenland zu gehen, wechselte er zu einem klassischen Im- und Exporthaus, wie es sie in der alten Handelsstadt Bremen viele gibt. Der Inhaber war Honorarkonsul von Südafrika und passionierter Großwildjäger. Auf der Weihnachtsfeier wurde stets ein Preisschießen veranstaltet, Teilnahme verpflichtend. Aber der junge Familienvater wollte kein Gewehr in die Hand nehmen – weil er den Kriegsdienst verweigert hatte und nun nicht für seinen Chef seine Überzeugung über Bord werfen wollte. Ein Mann mit Haltung. Diese Integrität und Authentizität zeichnet Rützel aus und ist Teil der hohen Reputation, die er genießt.
Verzockt
Der Mittzwanziger schien sich einen Namen in der Bremer Geschäftswelt gemacht zu haben, denn bald ereilte ihn ein Angebot als Area Sales Manager von Wilkens Silberwaren. Statt Stecknadeln nach Hongkong und Tomatenmark in den Sudan sollte er nun Silberbesteck an Kunden in Frankreich, Italien, Skandinavien und England verkaufen. „Das war eine schöne Zeit“, erinnert sich Rützel. Ein besonderer Coup gelang ihm mit der Erstausstattung des großen Kopenhagener Kaufhauses Illums Bolighus. Prompt forderte er mehr Geld – und stieß damit bei seinem konservativen Arbeitgeber auf Granit. Er kündigte, denn „wer A sagt, muss auch B sagen“. Aus heutiger Sicht keine kluge Entscheidung, sagt er, doch nicht ohne Verständnis für sein jüngeres forsches Ich. Die Entschlossenheit ist ihm geblieben, Besonnenheit hinzugekommen.
Rützel hatte Glück und fiel auf die Füße. Bei der Bremer Wollkämmerei, ebenfalls ein bremischer Traditionsbetrieb, wurde er für die Disposition verantwortlich, später für den Direktvertrieb, sprich das Eigengeschäft. An drei Telefonen gleichzeitig parlierte er in mehreren Sprachen mit dem Wollauktionator in Australien, der französischen Spinnerei und der Finanzabteilung. „Kaufmännisch war das eine harte, aber gute Schule“. Und alles fand in einem Großraumbüro statt, in dem mittendrin der Vorstandsvorsitzende thronte und ihn vor versammelter Mannschaft abkanzelte, als Rützel sich entschieden hatte, das Unternehmen zu verlassen.
Heimatgefühle
Dieser Wechsel führte ihn 1990 in die Holzbranche: als Vertriebsleiter zu den Louis Krages Holzwerken, die Leisten, Profilholz und Hobelwaren herstellten und zudem im großen Stil Holzprodukte importierten, unter anderem Universal-Parkett aus Indonesien. Rützel stieg bis zum Vertriebsgeschäftsführer auf, erlebte aber harte Zeiten, als das Unternehmen ohne sein Verschulden ein Sanierungsfall wurde. Doch konnte er es aus den roten Zahlen herauswirtschaften und an die Bremer Baugröße Kurt Zech verkaufen.
Die fruchtbare Zusammenarbeit mit Branchengrößen wie Albert Gebhardt hat Rützel geprägt.
Dort hätte er bleiben können – bis 1997 wieder das Telefon klingelte: Horst Dieter Jordan, stellvertretender Beiratsvorsitzender des Holzring, suchte einen neuen Geschäftsführer für die Holzhandelskooperation und kannte Rützel aus geschäftlichen Zusammenhängen. Eine Woche nach dem Vorstellungsgespräch erhielt Rützel die Zusage – mit Vertragsbeginn zum 1. Februar 1998. Aber: Der Holzring residierte damals in Hildesheim. Und er wollte nicht hinter dem Rücken seiner Frau einen neuen Job in einer anderen Stadt annehmen. Dass er sich noch Bedenkzeit erbat, kam beim Holzring-Beirat nicht gut an und Rützel sprang ins kalte Wasser und unterschrieb. Übrigens zog der Holzring dann zwei Jahre später nach Bremen um und das Pendeln war vorbei.
Kein Verwalter, sondern Motor
Tatsächlich fand Olaf Rützel mit dem Holzring seine Lebensaufgabe, bei der er seine Talente, Kompetenzen und Interessen verbinden konnte. „Ich hatte meine Heimat gefunden“, sagt er schlicht. Er hatte überzeugt, weil er im Gegensatz zu den anderen Bewerbern proaktiv Ideen präsentiert hatte. So verstand er die Aufgabe – und so versteht er auch sich als Manager: Nicht als Verwalter, sondern als Architekt und Motor für Neu- und Weiterentwicklungen: „Dafür werde ich bezahlt.“
Das gibt er seinem Nachfolger als Leitplanken für dessen Wirken mit: „Vorschläge machen, Dienstleistungen kreieren, das Geschäftsmodell stetig optimieren.“ Zugleich interpretiert die Position eines Kooperationsgeschäftsführers als eine Mischung aus „Vertriebsjob, Außenminister und Stratege“: „Es gilt Gesellschafter wie Lieferanten zu überzeugen, zu binden und zu entwickeln.“ Nicht minder wichtig ist für ihn das eigene Team, auch das gehöre behandelt wie Kunden: „Das motiviert mehr als Druck“.
Und was machte den Posten damals für Rützel attraktiv ? „Das Gefühl, dass der Holzring ein schlafender Riese ist“. Was sich bewahrheiten sollte: bei seinem Antritt als Geschäftsführer kam die Verbundgruppe auf ein Geschäftsvolumen von 490 Mio. DM, 2024 war sie mit 1,6 Mrd. EUR die Nr. 12 in Deutschland. Und das mittelständische, bodenständige, familiengeführte Unternehmertum spricht ihn an. In einem Konzern hätte er nicht arbeiten wollen, sich auch nicht so entfalten können, wie er möchte: „Ich bin auch als angestellter Geschäftführer unternehmerisch denkend unterwegs.“
Hanseatischer Kaufmann
Noch ein Argument waren die Menschen. Rützel mag Menschen, ist neugierig, lernt gern dazu. Gleichwohl entspricht ein kumpelhafter Umgang nicht seinem Naturell, lieber hält er eine leichte Distanz und zieht das Siezen dem Duzen vor. Schon als junger Vertriebsleiter in der Hobelwarenindustrie hatte der Bremer viele Branchengrößen aus dem traditionsreichen Holzhandel kennengelernt. Beim Holzring traf er auf Koryphäen wie Horst Dieter Jordan, Dr. Karl Thalhofer, Albert Gebhardt und Jürgen Roggemann, die ihn prägen sollten und Vorbilder für ihn waren. Inzwischen arbeitet er „voller gegenseitiger Wertschätzung“ mit der nächsten Unternehmergeneration zusammen, die genauso erfolgreich und ehrgeizig ist wie ihre Väter: Jörg L. Jordan, Stefan Thalhofer, Max Roggemann.
„Das sind schon die ganz großen Namen aus dem europäischen Holzhandel, die ihr eigenes Standing haben, mit denen man etwas bewegen kann“, sagt Rützel, „das hat mich gereizt.“ Tatsächlich ist die Gesellschafterstruktur des Holzring sehr heterogen. Dennoch gilt für alle: gleicher Geschäftsanteil, gleiche Rechte, gleiche Pflichten. Für Rützel ist es selbstverständlich, keine Unterschiede zu machen: „Ich haben nie jemanden bevorteilt oder benachteiligt.“ Das gehört für ihn unabdingbar zum „hanseatischen Kaufmann“ dazu, umso mehr, als „wir hier treuhänderisch Milliarden Euro verwalten und Verantwortung dafür tragen, dass jeder Cent dahingeht, wo er hingehört. Das ist ja nicht unser Geld. Dieses Bewusstsein, dieses Ethos hat jeder, der für den Holzring, arbeitet in der DNA.“
Von der klassischen Einkaufskooperation zum Netzwerk
Unter Rützels Ägide hat der Holzring nicht nur an Gesellschaftern, Umsatzvolumen, Lieferanten und Gewicht gewonnen, er hat sich auch gewandelt von einer klassischen Einkaufskooperation hin zu einem Netzwerk – immer noch mit dem Schwerpunkt Einkauf und Konditionen, aber zusätzlich mit einem breiten Spektrum an betriebswirtschaftlicher Beratung. „Mittlerweile gehört zu meinem Aufgabenbereich die ein oder andere Beratung, etwa bei Verkäufen oder der Nachfolge. Das ist gewachsen“, sagt Rützel nicht ohne Stolz, „und das muss man sich erarbeiten, weil das sehr persönliche Entscheidungen sind, die dort anstehen.“ So zählt denn auch ein Management-Buyout, das er vom Initialgespräch über die Vertragsverhandlungen bis zur Finanzierung begleitet hat, zu einem der „Glücksmomente“ in seiner Holzring-Zeit.
Vertrauensvolle Zusammenarbeit auf Augenhöhe und gegenseitige Wertschätzung: Mit dem Holzring-Beiratsvorsitzender Jörg L. Jordan, dessen Vater Olaf Rützel einst einstellte.
Als weitere Meilensteine unter vielen Maßnahmen und Entwicklungen nennt er die Einführung der Zentralregulierung – „von der Zustimmung hatte ich ein wenig meine berufliche Zukunft abhängig gemacht“, – das Importgeschäft aus China, Anfang der 2000er Jahre und Mitte der 2010er wieder eingestellt, weil die Gesellschafter anfingen, selber zu importieren, das seine Affinität zu Asien weckte, die betriebswirtschaftlichen Unternehmertreffen, bei denen auf Augenhöhe diskutiert wird und die sogenannte gegenseitige Vereinbarung mit den Lieferanten, die auf den hanseatischen Kaufmannswerten beruht, beiden Sicherheit und Verlässlichkeit garantieren soll.
Zu Rützels Highlights gehören auch die zahlreichen Veranstaltungen des Holzring, die thematisch immer up to date sind, daher viele interessierte Teilnehmer zusammenbringen und die er souverän und bestens vorbereitet moderiert. „Dafür bezahlen uns die Gesellschafter: Dass wir den Zeitgeist aufnehmen, uns mit Trends auseinander setzen, überlegen, wohin sich der Markt entwickelt, was für den Holzhandel relevant ist und was wir als Kooperation dazu beitragen können.“ Das hat über all die Jahre gut funktioniert – deshalb hat sich der Holzring zu seiner heutigen Größe entwickelt.
Einen großen Bahnhof anlässlich seines Ausscheidens aus der Geschäftsführung des Holzring Ende Juni 2026 will Olaf Rützel eigentlich nicht, aber er wird wahrscheinlich nicht darum herum kommen; so viel hat er für die Holzhandelskooperation in den dann 28 Jahren seines Wirkens geleistet. Dass die Verbundgruppe heute schlagkräftig, auf der Höhe der Zeit und zukunftssicher aufgestellt ist, ist sein Verdienst – in Verbindung mit der kompetenten Mannschaft. Er hinterlässt große Fußstapfen für seinen Nachfolger Dennis Weller. Aber es wäre auch nicht Olaf Rützel, wenn er den Übergang nicht bestmöglich sowohl für den Holzring als auch den künftigen Geschäftsführer gestalten würde. Und so rückt Weller schon zum 1. Januar mit in die Geschäftsführung auf und übernimmt dann ab 1. Juli 2026 Alleinverantwortung.
Rützel verabschiedet sich damit von einer Position, die perfekt für ihn zugeschnitten war – aber noch nicht in den Ruhestand. Er will sich weiter um die RAL Gütegemeinschaft Holz- und Baustoffhandel kümmern, „eine Herzensangelegenheit“, die 2008 auf seine Initiative aus dem Holzring heraus gegründet wurde und bei der er noch die Geschäfte führt und sich künftig im Vorstand einbringen will. Er geht der Branche also noch lange nicht verloren.

Ehrenpreis Lebenswerk des Jahres 2026