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Was Architekten zu nachhaltigen Bauprodukten wissen wollen

Einfach, differenziert, leicht zugänglich und international vergleichbar – so wünschen sich Architekten die Informationen über nachhaltige Bauprodukte. Das zeigt eine Diskussion auf dem Jahreskongress 2022 der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen.

Wie und wo finden Architekten und Planer nach-haltige Bauprodukte? Welche Informationen benötigen sie von den Herstellern? Und wie kann die Industrie diese bereitstellen? Solchen Fragen ist die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) auf ihrem online abgehaltenen Jahreskongress 2022 nachgegangen und hat dazu je zwei Vertreter aus der Planung und der Industrie eingeladen: die beiden Architekten Angie Müller-Puch (Behnisch Architekten) und Antonino Vultaggio (HPP Architekten) sowie Prof. Dr.-Ing. Winfried Heusler vom Fensterhersteller Schüco und Michael Scharpf vom Baustoffproduzenten Holcim.

Der Stellenwert nachhaltigen Bauens hat sich in den letzen rund zehn Jahren deutlich verändert, meint Angie Müller-Puch. Heute ist sie bereits Teil der Ausschreibungen und das hat Auswirkungen auf die Arbeit der Architektin: Während früher ein Gebäude entworfen und erst im Anschluss beispielsweise ein nachhaltiges Energiekonzept aufgesattelt wurde, sieht Müller-Puch Nachhaltigkeit inzwischen zunehmend bereits als Bestandteil des Entwurfsprozess und damit der Materialauswahl.

Ihr Kollege Antonino Vultaggio hakt ein: Traditionell gehe es beim Thema Materialien zunächst um sinnliche Räume und Ästhetik, um Qualität und Wirtschaftlichkeit. Mit der Nachhaltigkeit kämen Aspekte wie CO2-Neutralität, Ressourcenschonung, Gesundheit und Soziales (Herkunft, Produktionsbedingungen) hinzu. Das mache die Materialauswahl aufwendiger. Zudem herrsche eine große Intransparenz, was nachhaltige Produkte angeht. „Wenn wir den Marketingkonzepten der Industrie glauben, ist jeder nachhaltig und hat es erfunden“, formuliert Vultaggio pointiert. Sein Büro sei dazu übergegangen, zu interessanten Produkten in puncto Nachhaltigkeit bei der Industrie nachzuhaken. Einige Hersteller brauchten sehr lange für eine Antwort. Andere wollten gar keine Auskunft geben, so seine Erfahrung.

Beide Architekten sind sich einig: Es braucht mehr Übersicht, mehr Einheitlichkeit und damit Vergleichbarkeit. Objektivierbare Daten seien essenziell, und zwar in abgestufter Intensität. „Am Anfang der Planungen sind wir im Systemischen unterwegs und daher brauchen wir auch systemische Daten. Erst in zweiter Instanz kommen die vertieften Daten“, so Vultaggio. Vorschlag von Angie Müller-Puch für den ersten Überblick: eine Kennzeichnung nach dem Vorbild des Nutri-Score auf Lebensmitteln mit seinen Nährwertstufen A bis E.

Die Architektin sieht auf Seiten der Industrie durchaus Anstrengungen, die notwendigen Informationen zu liefern, aber es fehle die Verknüpfung mit der Planungsseite. Zwar gibt es Datenbanken wie Ökobaudat vom Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB). Aber die sind ihr zu wenig nutzerfreundlich. Und sie sind in der Regel auch nur national relevant. Für Planungsbüros, die international (zusammen-)arbeiten, sei das ein Problem, weil Informationen aus unterschiedlichen Quellen beschafft und abgeglichen werden müssen.

Grundsätzlich möchte Müller-Puch den Aufwand auf Planerseite so gering wie möglich halten: „Nachhaltigkeit darf nicht so komplex sein, dass sie exklusiv wird.“ Es dürfe nicht sein, dass nur entsprechend finanziell oder personell ausgestattete Büros das Thema mit speziellen Teams bearbeiten können. „Nachhaltigkeit muss niederschwellig werden“, lautet ihre Forderung.

Die beiden Vertreter der Industrie in der Diskussionsrunde zeigen Verständnis für die Forderungen der Architekten, können aber auch auf eigene Anstrengungen verweisen. So sind etwa laut Winfried Heusler auf Plan.One, einer auf Initiative von Schüco gestarteten Vergleichsplattform, bereits 500 Firmen mit ihren Produkten aus den Bereichen Ausbau, Bauchemie, Dach, Fassade, Rohbau und Technische Gebäudeausrüstung vertreten. Ausschreibungstexte, CAD-Daten oder BIM-Modelle stehen hier Architekten und Planern zur Verfügung.

Für Baustoffhersteller Holcim ergibt sich die Notwendigkeit zur Entwicklung nachhaltiger Produkte laut Michael Scharpf auch aus dem Druck von Investoren, eine bislang CO2-intensive zu einer CO2-armen oder -freien Industrie zu machen. Er engagiert sich dazu im Concrete Sustainability Council (CSC). Hier unternimmt die Betonindustrie gerade den Versuch, Benchmarks für die CO2-Reduktion in ihren Produkten festzulegen. Planer sollen nicht nur die Information aus einer EPD erhalten, sondern auch eine Beurteilung, etwa: gut, besser, am besten. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, käme aber dem von Müller-Puch vorgeschlagenen Nachhaltigkeits-Score sehr nahe.

Die Kombination aus Transparenz schaffen und Transparenz erklären sieht Scharpf als wichtige Aufgabe der Industrie. Winfried Heusler setzt beim Erklären nicht nur auf digitale und analoge Informationen, sondern betont die Notwendigkeit des persönlichen Gesprächs. Neben der Beantwortung von Fragen komme der Beratung bereits in einer frühen Planungsphase große Bedeutung zu. „Grundsätzliche Entscheidungen zur Bauweise eines Objektes – etwa Massivbau oder Skelettbau – sind wichtiger als der spätere Produktvergleich zwischen verschiedenen Herstellern, denn die sind einander ziemlich ähnlich“, meint er.

Ohne die persönlichen Gespräche am Anfang müsste die Industrie eine komplett neue, höhere Informationsebene einführen, die produktneutral nur Prinziplösungen zeigen würde. Diese müssten anschließend im Kontext des jeweiligen Projektes bewertet werden, gibt Heusler zu bedenken. Das gilt seiner Meinung nach auch für jedes Produkt: Denn wenn etwa der Standort eines Gebäudes oder die Nutzung eine Rolle spielen, schnitten viele Bauprodukte anders ab als in der neutralen Bewertung.

Thomas Pfnorr


Das wünschen sich die Architekten:
- niederschwellige Informationsangebote
- objektivierbare Daten
- systemische Daten für die erste Planungsphase
- wenige Informations­plattformen mit internationaler Gültigkeit


Mehr Infos im Internet
- Ökobaudat mit Ökobilanz-Datensätzen
- Plan.One Bauproduktdatenbank
- The Concrete Sustainability Council (in englischer Sprache)
Was Architekten zu nachhaltigen Bauprodukten wissen wollen
Foto/Grafik: DGNB
„Die Materialauswahl ist eine der Kernaufgaben der Planer und Architekten.“ Johannes Kreißig, Geschäftsführender DGNB-Vorstand
Was Architekten zu nachhaltigen Bauprodukten wissen wollen
Foto/Grafik: Frank Peterschröder/Schüco International
„Die Produkte müssen im Kontext des Projektes bewertet werden.“ Prof. Dr.-Ing. Winfried Heusler, Senior Vice President Global Building Excellence Schüco International
Was Architekten zu nachhaltigen Bauprodukten wissen wollen
Foto/Grafik: Holcim Foundation
„Wir bekommen Druck von Investoren, aus einer CO2-intensiven eine CO2-arme oder -freie Industrie zu machen.“ Michael Scharpf, Head Sustainable Constroction Holcim Germany
Was Architekten zu nachhaltigen Bauprodukten wissen wollen
Foto/Grafik: David Matthiessen
„Nachhaltigkeit darf nicht so komplex sein, dass sie exklusiv wird.“ Angie Müller-Puch, Partnerin Behnisch Architekten Atelier Weimar
Was Architekten zu nachhaltigen Bauprodukten wissen wollen
Foto/Grafik: HPP Architekten/Chris Rausch
„Wenn wir dem Marketing der Industrie glauben, ist jeder nachhaltig und hat es erfunden.“ Antonino Vultaggio, Senior Partner HPP Architekten
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